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Evergreen IT - Warum der Mittelstand agieren muss

Von Christian Klostermann | 12.06.2017

Schon im Jahr 2014 hat Microsoft den Terminus "Evergreen-IT" aufgegriffen und als Basis für seine Cloud Strategie definiert. Er beschreibt einen Zustand, in dem die IT eines Unternehmens analog zur Biologie einiger Pflanzen "immergrün" bleibt, sprich durch kontinuierlich Erneuerung von den sonst üblichen Zyklen der Jahreszeiten verschont bleibt.

Zunächst hört sich das gut an, grün ist zunächst (außer vielleicht derzeit in der Politik) ein positiv besetzter Begriff. Langfristig betrachtet ist die permanente Erneuerung aller Systeme auch der Schlüssel zum heiligen IT-Gral, doch aktuell agieren die Unternehmen oftmals getreu dem Motto "never change a running system". Aus dieser Diskrepanz entsteht das Spannungsfeld, das im folgenden beleuchtet werden soll.

 

Die Umsetzung der Evergreen-IT Strategie finden wir derzeit z.B. bei Windows 10 und Office 365, Produkte die unsere Kunden oftmals schon einsetzen oder sich derzeit in der Planung bzw. Umsetzung befinden. Doch sicher sind auch einige dabei, die noch abwarten bzw. aus gutem Grund entschieden haben, noch abzuwarten. Dies schlägt sich auch im Marktanteil wieder, den Windows 7 noch hat: dieser liegt derzeit nahezu bei (noch recht üppigen) 50% (Quelle: netmarketshare.com):

Dieser Wert ist umso beeindruckender, da der erweiterte Windows 7 Support seitens Microsoft am 14. Januar 2020 (also 'schon' in ca. 2,5 Jahren) endet und bis dahin alle Migrationen abgeschlossen sein müssen.

 

Jetzt fragen mich viele Kunden, wo das Problem liegt, denn Windows Updates haben alle schon diverse Male gemeistert (so hat z.B. eine grosse Versicherung mit mehreren tausend Mitarbeitern die Windows 7 Migration Mitte 2016 abgeschlossen...), was denn da an Windows 10 anders sei ?

 

Windows 10 ist anders.

Ja, Windows 10 ist eine Revolution, denn neben vielen funktionalen Innovationen wird erstmals das Betriebssystem nicht im Abstand von Jahren durch Major Releases ersetzt, sondern fortlaufend erneuert („Windows as-a-Service“). Im Zuge dieser neuen Microsoft-Strategie werden mit Windows Update nicht mehr nur Patches und Bugfixes, sondern ganze System-Updates inklusive neuer Features ausgeliefert. Das soll herkömmliche Migrationsprojekte überflüssig machen und Windows 10 laufend erneuern.

 

Releasenamen wie "Creators Update" oder "Anniversary Update" sind vermutlich durch die Medien bekannt, diese "Releases" stellen genau genommen neue Versionen von Windows 10 dar (hier die Version 1703 = März 2017 bzw. 1607 = Juli 2016), die hier im Abstand von wenigen Monaten (nicht Jahren) erscheinen. Und dabei gilt es zu beachten, dass Microsoft immer nur Support für den aktuellen und den vorhergehenden Release bietet (im CBB).

 

Office 365 ebenfalls.

 

Dies gilt auch für Office 365: auch hier ist die Cloud Strategie von Microsoft Teil von Office 365 und auch hier erfolgen Updates fortlaufend und ebenso werden nur die beiden letzten Releases supportet, bevor ein Update erfolgen muss.

Und das kann schnell gehen: effektiv bleiben nach Veröffentlichung eines Folge-Releases nur 8 Monate bis zum Zwangsupdate, sofern Microsoft den bisherigen 4-Monatszyklus für neue Versionen beibehält.

 

Was ist also zu tun ?

Zunächst einmal: sich bewusst werden, was dies für das Unternehmen heisst: die Risiken steigen z.B. durch den Betrieb business-kritischer legacy-Applikationen deutlich, und es gilt diese Risiken zu identifizieren und zu bewerten. Die Aufwände für die Umsetzung einer Evergreen-IT Strategie können für ein Unternehmen durch die Menge der nötigen Anpassungen und den damit verbundenen finanziellen Aufwand durchaus disruptiv sein. Daher ist es essentiell, möglichst früh mit der Transformation zu beginnen, denn zu glauben dass es mittelfristig eine Alternative zur Assimilation geben wird ist eher zwecklos, denn nicht nur Microsoft folgt dem Evergreen-Ansatz. Die „as a service“ - Strategie der Hersteller zwingt langfrisitig alle Unternehmen, ihrem Weg zu folgen.

 

Kunden, die diese Angebote nutzen wollen bzw. müssen sind also gezwungen, dieser Philosophie zu folgen. Sie müssen Ihre Anforderungen auf die Angebote der Hersteller ausrichten und Ihre Unternehmen durch die Hölle der Service-Ausrichtung, Standardisierung, Entkopplung und wiederholter Migrationen schicken.

 

Unternehmen sollten mit Blick auf den Microsoft Techology-Stack daher zunächst mit Windows 10 und Office 365 möglichst umfängliche Anwendungstests durchführen, um den tatsächlichen Impact auf die Infrastruktur und die Anwendungslandschaft abschätzen zu können. Darüber hinaus sollten aber auch nachhaltige Änderungen wie die Entkopplung der Anwendungen von den Systemen erwogen werden. Ebenso ist es wichtig, die Office Roadmap zu verfolgen, um rechtzeitig mögliche Risiken und Auswirkungen abschätzen zu können.

 

Weiterhin ist es ratsam, ähnlich wie bei Windows 10 die „Insider Previews“ die „First Releases“ für eine Person oder einem Teil der Administratorengruppe zugänglich zu machen. So können Neuerungen einige Wochen vor dem vorgegebenen Standardrollout getestet werden. Eine essentielle Komponente für die erfolgreiche Implementierung von Evergreen-IT ist die Entwicklung eines Unternehmens zu einer „Service Orientierten Organisation“ (SOO) um ein Alignment zwischen Geschäfts- und IT-Prozessen zu ermöglichen. In einer SOO kann es gelingen, IT-Architekturen auf der Basis von flexibel orchestrierbaren Komponenten und standardisierten Schnittstellen bereitzustellen. Wichtig bei allen strategischen Anpassungen der Anwednungslandschaft ist die Nutzung moderner und modular aufgebauter Industriestandards, um auch zukünftig flexibel auf wechselnde Anforderungen reagieren zu können.