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„Da anpacken, wo andere reden“ – Jivka Ovtcharova im Interview.
Sie ist eine von Menschen gemachte Entwicklung, die ihrem gewohnheitsliebenden Schöpfer viel abverlangt: die Digitalisierung. Ihr ständiger Begleiter: der Wandel. Wie verändert der digitale Fortschritt den Menschen? Welche Rolle spielen unsere Sinne dabei? Und inwiefern müssen Menschen umdenken und Unternehmen sich neu organisieren, um die Digitalisierung in Deutschland voranzubringen? Diese und weitere Fragen beantwortet die Expertin für Virtual Engineering, Prof. Dr. Dr.-Ing. Jivka Ovtcharova, im Interview.

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Frau Ovtcharova, inwiefern hat die Digitalisierung den Menschen bislang verändert?

In Zeiten der Digitalisierung wechseln Technologie- und Wissensgenerationen immer schneller, inzwischen mehrmals innerhalb eines menschlichen Lebens. Computer-, Internet- und jetzt KI-Zeitalter: Das sind drei radikale Veränderungen der vergangenen 60 Jahre, die in zunehmend kürzeren Abständen aufkamen. Das gab es in der menschlichen Geschichte noch nie. In diesem Zusammenhang steht auch ein schnellerer Generationswechsel von Menschen. Eine Generation wird nicht mehr nur durch ihr Alter und ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern überwiegend durch einen ähnlichen Umgang mit Technologien und Wissen gekennzeichnet. So ist die Generation der Jahrgänge 1965 bis 1980, die als Generation X bezeichnet wird, weitestgehend mit Fernsehen sowie Video- und Computerspielen aufgewachsen und wurde hauptsächlich durch die Medien Zeuge des technologischen Wandels. Ich nenne sie die Generation der „Offliner“. Die Generation Y, auch Gen Y oder Millennials genannt, ist mit dem Internet aufgewachsen und nimmt die Welt verstärkt durch die Internetbrille wahr. Und schließlich sprechen wir über die jüngste, die Generation Z. Zu ihr gehören die YouTuber und Gamer, deren Alltag nahezu vollständig von digitalen Technologien bestimmt ist. In ihre Zeit fallen auch die ersten humanoiden Roboter wie JD, Pepper und Sophia.

 

Eine gute Entwicklung im Rahmen der Digitalisierung in Deutschland ist, dass die Zugehörigkeit zu den Generationen immer weniger an die Geburtenjahrgänge gekoppelt ist. Aufgrund der breiten Verfügbarkeit der digitalen Technologien erleben wir heutzutage eine facettenreiche Intragenerationsvarianz, der keine Grenzen gesetzt sind. Schlecht ist jedoch, dass wir immer noch nicht in die Gänge kommen. Das muss schnellstmöglich passieren. Um unseren Spitzenplatz in der Wirtschaft zu behalten, reicht das traditionelle Markenzeichen „German Engineering“ nicht mehr aus. John F. Kennedy hat gesagt: „Ein Vorsprung im Leben hat der, wer da anpackt, wo andere erst einmal reden.“ Eine Auffassung, die heute aktueller denn je ist. 

 

 
Wo auf dem Digitalisierungsweg stehen wir in Deutschland?

Laut einer Studie von Cisco und Gartner Ende März 2019 liegt Deutschland hinsichtlich des digitalen Reifegrads – auch aufgrund der guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – zwar auf Platz 6 von 118 Ländern, hinkt aber dennoch in vielen Bereichen hinterher.

 

Nachholbedarf besteht bei der Nachfrage nach digitalen Produkten und Services (Rang 18), bei digitaler Bildung und Fachkräfteentwicklung (Rang 19) und noch mehr bei den Bedingungen für Start-ups und Investitionen von Politik und Wirtschaft (Rang 29). Ergebnis der Studie: „Es gibt nur wenige Länder, die bessere Voraussetzungen haben, digital erfolgreich zu sein. Was den Deutschen noch fehlt, ist Offenheit und die Lust, Neues auszuprobieren.“ Dem stimme ich voll und ganz zu.

 

Es ist grundsätzlich wichtig zu verstehen: Die Informationstechnologie stellt nur die notwendigen, aber nicht hinreichenden Bedingungen für eine tiefgreifende Veränderung von Gesellschaft und Wirtschaft dar. Auch wenn die IT immer smarter wird, bleibt sie nur ein Werkzeug. Die Digitalisierung setzt per Definition tiefgreifende Veränderungsprozesse voraus. Diese betreffen zum einen das Mindset der Menschen, zum anderen bestehende Strukturen, die von außen als Geschäftsmodelle wahrgenommen werden.

 

Traditionelle Geschäftsmodelle werden durch einen direkten Austausch zwischen Menschen bestimmt und gesteuert, wie zum Beispiel der Betrieb eines Taxiunternehmens oder Reisebüros. Und hier liegt das Problem in Deutschland. In jedem halbwegs fundierten Gespräch über Digitalisierung taucht der Begriff Internetplattform auf. Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Facebook und Tencent – das sind die ersten sechs der größten zehn börsennotierten Unternehmen der Welt 2019. Und sie alle basieren auf Plattform-Modellen. Weit hinten, auf Platz 48, liegt SAP als erfolgreichstes deutsches Unternehmen, ebenso plattformbasiert. Das Geschäftskonzept ist denkbar simpel: Plattformen schaffen zweiseitige Märkte zwischen Anbietern und Kunden und generieren deren Mehrwert aus Daten. Die Ausführung der Algorithmen erfolgt vorwiegend autonom.

 

In Deutschland läuft die Umsetzung auf Internetplattformen zögerlich. Lediglich das Interesse und die Bereitschaft für digitale Geschäftsmodelle wächst – aufgrund des steigenden Wettbewerbsdrucks. Ein weiter Weg liegt vor uns.

 

 

Prof. Dr. Dr.-Ing. Jivka Ovtcharova leitet das Institut für Informationsmanagement im Ingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Gemeinsam mit dem Bechtle IT-Systemhaus Karlsruhe und SolidLine hat Jivka Ovtcharova das „Industrie 4.0 Collaboration Lab“ in Karlsruhe gegründet. Im Juli 2019 eröffnete sie zudem das „Center for Artificial Intelligence Talents“, das Erkenntnisse der Künstlichen Intelligenz (KI) mithilfe von gezielter Förderung von Talenten schnell und wirkungsvoll in die Wirtschaft und Gesellschaft einbringen will. Jivka Ovtcharova ist eine der 25 Frauen für die digitale Zukunft in Deutschland und Gewinnerin des ersten Inspiring Fifty DACH Award 2019.


Die größte Herausforderung für die Organisation liegt darin, Mitarbeitern den Zugang zu stetiger digitaler Weiterbildung zu ermöglichen.


 
Was bedeutet die zunehmende Verkürzung der Innovationszyklen für die Organisation von Unternehmen?

Allein ein durchstrukturierter Technologieanbieter zu sein reicht bereits heute nicht mehr aus und dieser Trend wird sich verschärfen. Die Organisation der Zukunft ist flach, agil und gut vernetzt. Die Reaktionszeit hinsichtlich neuer Entwicklungen wird eine entscheidende Rolle für den Unternehmenserfolg spielen: Ist die neue Entwicklung nützlich für uns und unsere Kunden? Falls ja, wie können wir sie schnellstmöglich wertschöpfend in unser Geschäft einbinden? Auch die personalisierte Kundenbindung wird an Bedeutung gewinnen. Hierzu gehören schnelle Analyse- und Optimierungszyklen für die Prozesse. Voraussetzung ist der Umstieg von lokalen IT-Infrastrukturen zu cloud- und edge-basierten Architekturen.

 

Die größte Herausforderung für die Organisation liegt aber darin, Mitarbeitern den Zugang zu stetiger digitaler Weiterbildung zu ermöglichen. Weiterbildung ist ein erfolgsentscheidender Faktor. Denn während heute die Digitalisierung teilweise noch als Projekt verstanden wird, das sich outsourcen lässt, wird sie mehr und mehr zu einem Teil des Tagesgeschäfts und betrifft damit jeden einzelnen Mitarbeiter.

 

 

Sie beobachten den Trend weg vom Internet der Dinge hin zum „Internet der Sinne“ – was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Zunächst zum Internet der Dinge: Der Begriff steht für Technologien, die physische und digitale Gegenstände miteinander vernetzen und sie durch Informations- und Kommunikationstechniken zusammenarbeiten lassen. Er bezieht sich hauptsächlich auf die industrielle und kommerzielle Seite der Internetnutzung, etwa in der Fertigung, Logistik und im Handel.

 

Auf der Seite des „Internet der Sinne“ haben Internet-Unternehmen wie Facebook, Google, Amazon, Alibaba und viele weitere mit enormer Geschwindigkeit und unternehmerischer Tatkraft Zukunft gemacht. Sie verändern das Leben der Menschen hinsichtlich ihrer Sinneswahrnehmungen tiefgreifend. Digitales Sehen, Hören und Sprechen per Skype und Messenger sind heute Alltag. Auch wie sich Riechen und Schmecken digital übersetzen lassen, ist ein Thema. Konsumartikel werden verstärkt über eine emotionale Ansprache in ungeahntem Ausmaß über das Internet beworben und verkauft.

 

Darüber hinaus entsteht eine neue Dimension der Wahrnehmung in Verbindung mit stationären oder mobilen Virtual- und Augmented-Reality-Lösungen. In einem virtuellen Raum kann der Mensch besser als auf dem Bildschirm digitale Produkte oder Dienstleistungen erkunden. Er ermöglicht eine personalisierte und intuitive Interaktion, ähnlich wie in der realen Welt. Das ist ein Paradigmenwechsel: Lange Zeit haben wir uns an die Arbeitsweise der Computer angepasst. Wir haben gelernt, verschiedene Softwaremenüs zu bedienen sowie möglichst schnell mit Maus und Tastatur umzugehen. Unsere Intuition konnten wir hier nicht richtig einbringen. Die Menschen lernen aber vor allem durch Interaktion und intuitive Bewegung, was beides in der virtuellen Realität greift. Mit der Steuerung über Sprache, Bewegung und Interaktion passen nicht mehr wir uns an die Computer an, sondern umgekehrt. Im „Internet der Sinne“ können wir uns die Realität von morgen erträumen, sie erkunden und ihre Entwicklungen mitbestimmen. Wir können auch Situationen simulieren, die real nicht möglich oder sehr gefährlich wären – und auf diese Weise unsere Fähigkeiten und Sinne trainieren. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und spannend.


Für ein modernes Unternehmen zählen Vision, Zeitgeist und Leidenschaft, nicht irgendein Erfolgsmodell von der Stange. Mein Rat ist, Mut und Wille zu haben, den eigenen Weg zu gehen. Vorne ist, wo sich noch keiner auskennt, und dort gibt es keine Roadmap.


 
Viele Unternehmen gehen die Digitalisierung noch immer zögerlich an. Was würden Sie dem Geschäftsführer eines solchen Unternehmens raten?

In den vergangenen Jahren haben sich die Digitalisierungstrends auf dem Weltmarkt so verschärft, dass allen Menschen mit Verantwortungsbewusstsein klar sein muss: Bei der Digitalisierung geht es nicht mehr um nur Wunschvorstellungen, sondern ums Überleben. Nehmen wir als Beispiel die Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zu den erwarteten Auswirkungen der Digitalisierung auf deutsche Unternehmen aus dem Jahr 2017. So rechnen 72 Prozent der befragten 1.806 Unternehmen mit einer Erhöhung der Arbeitsflexibilität. Chancen durch neue Geschäftsmodelle für die eigenen Unternehmen sehen 67 Prozent. Eine Erhöhung des Umsatzes erwarten 44 Prozent. Eine Erhöhung der Mitarbeiterzahl 18 Prozent.

 

Selbstverständlich hat die Digitalisierung auch ihre Schattenseiten. Diese werden mit 75 Prozent hauptsächlich bei den Sicherheitsrisiken und 65 Prozent bei den rechtlichen Unsicherheiten gesehen. Jedoch sind das keine unüberwindbaren Probleme, die Unternehmen davon abhalten sollten, in die Digitalisierung zu investieren. In den meisten Fällen führen Sicherheits- und Rechtsrisiken zurück auf fehlende Investitionen in den Kompetenzaufbau im Umgang mit Computersicherheit.

 

Das Allerwichtigste ist, die alten Stereotype abzuschaffen und nach vorne zu blicken. Die Digitalisierung bietet ungeahntes Potenzial für neue Arbeits- und Geschäftsmodelle. Für ein modernes Unternehmen zählen Vision, Zeitgeist und Leidenschaft, nicht irgendein Erfolgsmodell von der Stange. Mein Rat ist erstens, Mut und Wille zu haben, den eigenen Weg zu gehen. Vorne ist, wo sich noch keiner auskennt, und dort gibt es keine Roadmap. Den Spruch „The day before something is a breakthrough, it‘s a crazy idea” von Peter Diamandis, Gründer der X-Prize Foundation, halte ich an dieser Stelle für besonders treffend. Zweitens, Investitionsrisiko eingehen und dabei den Veränderungsaufwand nicht unterschätzen. Google, Apple und Facebook traten ihren Siegeszug an, als es vermeintlich übermächtige Gegner wie Yahoo, Nokia oder MySpace gab. Und drittens, der eigenen Intuition bezüglich Mitarbeiter und Partner folgen und nur mit den besten zusammenarbeiten.

 

Beim Future Design Symposium, das vom 27. bis 29. September 2019 in der Experimenta Heilbronn stattfindet, spricht Jivka Ovtcharova zum Thema „Reconquer Talents for the AI age“. Bechtle ist IT- und Sponsorpartner des größten Science Center Deutschlands.  

 

Ansprechpartner.

Bechtle update Redaktion
update@bechtle.com

 

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Veröffentlicht am 28.08.2019.