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Florian Dohmann: „Der Mensch wird wieder cool, trotz künstlicher Intelligenz.“
Florian Dohmann ist Gründer von Birds on Mars – einem Unternehmen, das Strategien, Räume und Anwendungen an den Grenzen von künstlicher und menschlicher Intelligenz entwickelt. Im Interview spricht er über den Wert des Menschen, Kreativität, Möglichkeiten und Grenzen der KI sowie die Gestaltung des Wandels. Ende September ist er als Speaker beim Beyond Festival in der Heilbronner Experimenta zu Gast.

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Herr Dohmann, lassen Sie uns mit einer allgemeinen Frage einsteigen: Wie sieht die ideale Verbindung von menschlicher und künstlicher Intelligenz aus?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass wir ganz am Anfang eines Prozesses stehen und dass es die eine ideale Verbindung weder heute gibt, noch in Zukunft geben wird. Wir setzen künstliche Intelligenz in vielen unterschiedlichen Feldern und in vielen unterschiedlichen Branchen ein. Deshalb müssen wir immer alle Faktoren mit einbeziehen. Ganz wichtig ist, dass wir die Stärken der KI und die Stärken des Menschen durch diese Kooperation betonen. Eine angewandte KI löst letztlich durch Mathematik ein Problem, deshalb kann sie bestimmte Dinge sehr gut und andere nicht. Das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Emotionale Komponenten, Intuition und Kreativität sind nach wie vor Domänen des Menschen – und diese Fähigkeiten müssen wir nutzen, um die Möglichkeiten der KI bestmöglich zu nutzen.

 

Trotz ihrer Begeisterung für künstliche Intelligenz sind Sie sich sicher, dass „Human Intelligence“ das nächste große Dinge ist …

Das habe ich natürlich ein bisschen überspitzt formuliert, aber ich bin wirklich sicher: Der Mensch wird wieder cool, trotz künstlicher Intelligenz. Diese ist ja eines der großen Themen unserer Zeit. Wir sollten den Menschen in dieser Diskussion nicht vergessen. Gerade durch den Dialog über die KI stoßen wir auf Fragen, die zutiefst menschlich sind. Zum Beispiel, was macht uns als Menschen eigentlich aus? Ich denke, wir werden wieder viel über den Menschen, seine Ansprüche, über das Menschsein und über Kreativität sprechen.

 

Mit Roman Lipski arbeiten sie an einem Kunstprojekt. Wie passen Kunst und künstliche Intelligenz zusammen?

Wir haben uns genau diese Frage gestellt: wie passt das zusammen? Generative KI, also generative neuronale Netzwerke, haben sich enorm entwickelt. Das war der Punkt loszulegen. Letztlich geht es um eine der ältesten Fragen der Computerwissenschaft: Können Maschinen kreativ sein? Wir wollten herausfinden, welche Antwort wir darauf mit neuen Möglichkeiten finden. Roman ist seit Jahrzehnten weltweit als Maler etabliert und interessiert sich gleichzeitig sehr für neue Technologien. Zusammen haben wir beschlossen, dieses Thema anzugehen. Also haben wir einen Prototypen der „Artificial Muse“ entwickelt. Dabei war schnell klar, dass es nicht darum geht, eine KI zu erschaffen, die das tut, was Roman tut – nämlich malen –, sondern dass wir ihm ein Tool zur Verfügung stellen, das ihm wie eine Art schlaues Kaleidoskop neue Perspektiven auf sein Wirken und seinen kreativen Prozess liefert.

 

Künstliche Intelligenzen schlagen den Menschen im Schach, beim Go und seit Kurzem auch beim Poker – weil sie bluffen, also etwas zutiefst Menschliches tun – und Google sagt, die KI erschafft bessere KI als die eigenen Entwickler. Ist dabei nicht Kreativität gefragt?

Nicht wirklich. Wer sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzt, kann über diese Aussagen und Ergebnisse nicht erstaunt sein. Die KI kann eine bessere KI erschaffen, weil es dabei um schiere Rechenpower geht, um maschinelles Lernen, um die Verarbeitung von riesigen Datenmengen. Das kann die Maschine besser als die Entwickler. Und so ist es letztlich auch bei den Spielen. Sie bieten eine „einfache“ Umgebung, weil sie klare Regeln und ein Ziel haben – das ist relativ einfach zu Programmieren. Wir geben dem lernenden System eine Zielvorstellung und irgendwann kann sie das besser als der Mensch, weil sie ganz einfach ausgedrückt mehr Rechenleistung hat. Das wird immer mehr Felder betreffen. Es liegt an uns Menschen, uns diesem Wandel anzupassen. Als zum ersten Mal ein Schachcomputer einen Menschen geschlagen hat, war das eine Sensation. Heute arbeiten alle Schachprofis mit Computern, um sich vorzubereiten und Hobbyspieler können die Entscheidung treffen, ob sie gegen einen Freund spielen, den sie schlagen können, oder ob sie gegen eine unbesiegbare KI antreten.


KI wird die Welt weiter verändern. In einigen Bereichen sicherlich fundamental. Das ist absehbar. Aber diese Art der Disruption gibt es immer wieder. Letztlich ist Künstliche Intelligenz nichts anderes als eine neue Technologie, eine neue Form von Software.


Müssen wir uns vor einer übermächtigen KI fürchten?

KI wird die Welt weiter verändern. In einigen Bereichen sicherlich fundamental. Das ist absehbar. Aber diese Art der Disruption gibt es immer wieder. Letztlich ist Künstliche Intelligenz nichts anderes als eine neue Technologie, eine neue Form von Software. Viele Menschen fürchten sich, weil die KI für sie eine Art „Black Box“ ist, weil sie nicht verstehen, was passiert, aber das war bei Software teilweise auch schon vor der KI so. Und es gibt weitere Systeme, bei denen kein Mensch mehr erfassen kann, warum Dinge geschehen: der Finanzmarkt ist ein Beispiel dafür. Aber zurück zur KI – natürlich bringt sie auch Risiken mit sich. Es liegt an uns, den Wandel zu gestalten. Wir müssen den Prozess steuern. Das halte ich für enorm wichtig.

 

Wen sehen Sie hier in der Pflicht?

Uns alle. Das ist ja eine wirtschaftsethische Frage. Natürlich geht es um einen Ordnungsrahmen, den die Politik liefern muss, aber auch Unternehmen, Entwickler, Konsumenten und die Gesellschaft als Ganzes sehe ich in der Verantwortung, einen sinnvollen Umgang mit einem derart wichtigen Thema zu finden. Wir müssen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs herstellen. Die Aufgabe ist groß, da das Thema komplex ist und viele Lebensbereiche betrifft.

 

Trotz aller Möglichkeiten, gibt es auch Stimmen, die künstliche Intelligenz für überschätzt halten …

Das kommt darauf an, was man von dieser Technologie erwartet. Für mich ist es ganz einfach: Es handelt sich um einen Problemlöser mit Rückgriff auf mathematische Funktionen und unter klaren Bedingungen. Dafür nutzen wir große Datenmengen und lernende Verfahren. Software und Mathematik. Das ist KI in a nutshell. Man kann damit Vieles leisten, aber Vieles eben auch nicht. Und dennoch bin ich sicher, dass wir viele Möglichkeiten noch nicht sehen oder begreifen.

 

Sie nennen das die „Mathematisierung der Welt“. Wie weit ist diese fortgeschritten?

Wir leben in einem daten-fixierten Zeitalter. Davon haben wir so viele wie nie zuvor. Also sind wir weit fortgeschritten. Aber diese Frage bringt mich letztlich wieder zur „Human Intelligence“. Die Maschine weiß nicht, was sie mit den Daten anfangen soll, wenn wir ihr das nicht sagen. Das ist ein teilweise sehr kreativer Prozess: Welche Daten, welche Merkmale, braucht die KI, um ein spezifisches Problem zu lösen? Gleichzeitig beschleunigt sich der Prozess durch das Internet der Dinge, neue Sensoren und 5G zum Beispiel. Wir müssen und werden lernen, wie wir diese Daten nutzen.

 

Vor dieser Aufgabe stehen auch viele Unternehmen, die auf große Datenmengen zugreifen können. Wie kann KI dabei helfen?

Das ist eine Frage, die sich niemals pauschal beantworten lässt, weil wir beinahe unendlich viele unterschiedliche Anwendungsfälle haben. Wichtig ist, dass Unternehmen, die Daten wahrnehmen, ihren Wert erkennen und damit anfangen, diese zu nutzen. Es müssen Teams gegründet werden, es braucht einen organisatorischen Rahmen, idealerweise den Support der Führung und es braucht – daran besteht kein Zweifel – Geld. So können Unternehmen Keimzellen für ein neues Denken schaffen. In diesem Rahmen werden spezifische Anwendungsfälle identifiziert. Das erfordert Workshops und Kreativität. Erst dann kann man erste Leuchtturmprojekte ins Leben rufen. Dadurch werden diese Dinge auch für ein Unternehmen als Ganzes und seine Mitarbeiter greifbar. Man kann nämlich nicht davon ausgehen, dass jeder versteht, worum es bei künstlicher Intelligenz eigentlich geht. Und vielen ist auch nicht klar, dass wir ein Zusammenspiel von KI, menschlicher Intelligenz und organisationaler Intelligenz brauchen. Das versuche ich immer zu vermitteln. Es reicht nicht, sich irgendwelche Technologie einzukaufen.

 


Wichtig ist, dass Unternehmen, die Daten wahrnehmen, ihren Wert erkennen und damit anfangen, diese zu nutzen. Es müssen Teams gegründet werden, es braucht einen organisatorischen Rahmen, idealerweise den Support der Führung und es braucht – daran besteht kein Zweifel – Geld.


Sie sprechen immer wieder über den Faktor Mensch. Wie gut sind denn die Menschen in Deutschland durch Bildung und Fortbildung auf den Wandel vorbereitet?

Leider ziemlich schlecht. Sowohl an den Schulen als auch an den Hochschulen fehlen Lehrkräfte, die diese Themen rund um die Digitalisierung gut vermitteln können. Das wird auch noch eine Weile dauern bis war da auf einem guten Stand sind. Das Thema ist aber auch komplex und sehr schnelllebig – Menschen gezielt auszubilden ist nicht so leicht. Was ich immer häufiger beobachte, sind Online-Kurse, bei denen man teilweise auch kostenlos führenden Wissenschaftlern, zum Beispiel zur künstlichen Intelligenz, zuhören kann. Das erfordert aber meist, dass man schon über gute Grundlagen verfügt.

 

Bei KI verfügen wir inzwischen auch über die Grundlagen. Wie geht es weiter – in den kommenden zehn Jahren?

Zehn Jahre sind auf diesem komplexen Gebiet eine relativ kurze Zeit. Wir werden den eingeschlagenen Weg weitergehen. Diese neue Art der Software wird unsere Welt verändern. Wir werden mehr Automatisierung bekommen, die Arbeitswelt wird sich anpassen, Mensch und Maschine werden anders und intensiver kooperieren. Für uns als Menschen wird es auch in zehn Jahren noch darum gehen, mit diesem Wandel gesund umzugehen und ihn zu gestalten. Das betrifft ganz alltägliche Fragen: Wann lasse ich ein Kind mit einem Smartphone in Kontakt kommen beispielsweise. Was ist gut, was schlecht, was zu früh oder zu spät in einer sich wandelnden Welt? Dass sich die Menschheit allgemein mit diesen beschleunigten Veränderungen schwer tut und sich weiter schwer tun wird, steht für mich außer Frage. Menschen gibt es schon lange, aber diese Form der Technologie ist erst vor kurzem in unsere Leben getreten.

 

Florian Dohmann ist Gründer von Birds on Mars – einem Unternehmen, das Strategien, Räume und Anwendungen an den Grenzen von künstlicher und menschlicher Intelligenz entwickelt. Er ist Experte für Daten, Künstliche Intelligenz und Digitale Transformation. Kunden unterstützt er in vielen Branchen beim Aufbau nachhaltiger Daten- und KI-Fähigkeiten. Zudem ist er ist Data Science Professional und Gastdozent an verschiedenen Universitäten.

Beim Future Design Symposium, das vom 27. bis 29. September 2019 in der Experimenta Heilbronn stattfindet, spricht Florian Dohmann über sein Kunstprojekt mit Roman Lipski: " Artificial Muse - Unplugged". Bechtle ist IT- und Sponsorpartner des größten Science Center Deutschlands.  

 

Ansprechpartner.

Bechtle update Redaktion
update@bechtle.com

 

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Veröffentlicht am 25.09.2019.