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Für mehr Entscheidungsfreude.
Ein Erwachsener trifft bis zu 20.000 Entscheidungen am Tag. Nur 100 bewusst. Der Psychologe Daniel Kahneman geht sogar von 40 Millionen Entscheidungen aus, wenn man jeden Blick und jeden Handgriff als Entschluss wertet. Das Gros darunter sind Zukunftsvorhersagen: Wir malen uns aus, welche Auswirkungen eine Entscheidung haben wird. Dabei entscheiden wir uns meist für jene Option, von der wir glauben, sie werde uns am glücklichsten machen. Doch ob glückbringend oder nicht, ob richtig oder falsch, das zeigt sich meist erst im Nachhinein. Manche bereut man ein Leben lang. Die Folge: Bei der Entscheidungsfindung wird oft gezögert und gezaudert.

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Entscheidungskultur braucht Fehlerkultur.

Wissenschaftler haben einen bedenklichen Trend ausgemacht: „Wir leben in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer weniger Verantwortung übernehmen möchte“, so Gerd Gigerenzer. Der bekannte Psychologe hat in einer Handvoll Bücher, Dutzenden Studien und Fachartikeln ergründet, wie Menschen Entscheidungen treffen. Er führt die zunehmende Unsicherheit vor allem auf eine unausgereifte Fehlerkultur in der Gesellschaft zurück und dass intuitive Entscheidungen ein schlechtes Image haben, obwohl wir über 99,99 Prozent unserer Entscheidungen tagein, tagaus unbewusst treffen. Insbesondere im Berufsleben werden Fehler nicht toleriert. Hier ist die vorherrschende Entscheidungskultur maßgeblich von der Führungsetage abhängig. Je nach Ausprägung zieht sie sich bis in die untersten Ebenen: Entscheidungsschwäche im Management bedeutet Entscheidungsschwäche bei den Mitarbeitern. Dabei verlangen gerade schnelllebige Märkte und immer komplexer werdende Produkte und Technologien dezentrale Entscheidungsstrukturen sowie Offenheit für Neues und Mut zum Risiko.

 

Kultur der Vorsicht.

Nach den Erfahrungen des Exmanagers Thomas Sattelberger herrscht in vielen deutschen Betrieben jedoch eine Angst-, ja eine „Vorsichtkultur“, die Innovations- und Entscheidungsfreude stark einschränke. Das sei auch ein Resultat komplexer Regularien und standardisierter Prozesse. In diesem Umfeld säßen viele Führungskräfte Entscheidungen schlichtweg aus. Denn niemand möchte mit einer aus dem Rahmen fallenden Entscheidung oder durch instinktiv getroffene Urteile seine Position unterminieren. Langwierige Abstimmungsrituale sind daher gerade in Konzernen Usus. Und so erscheinen wagemutige und innovative Konzepte, mit denen man angetreten sein mag, nach mehreren Instanzen ausgehöhlt und substanzlos. Gerd Gigerenzer attestiert solchen Belegschaften „defensives Entscheiden“: Ein Mitarbeiter oder Team verfolgt lieber die drittbeste Option, bei der man nicht in der Schusslinie steht, wenn etwas schiefläuft. Er schätzt, dass in großen Unternehmen jede zweite Entscheidung nach diesem Muster getroffen wird. Die Krise der Automobilindustrie und der Niedergang deutscher Energiekonzerne seien „gute“ Beispiele hierfür.

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Mangel an Vorbildern.

Gleiches kennt man aus der Politik, wo Entscheidungen mit großer Tragweite oftmals faulen Kompromissen weichen – konsensorientierte und risikoarme Entscheidungen statt Courage für echte Lösungen. Das dient meistens dem Machterhalt und führt zu Demokratieverdruss bei den Bürgern. Letztlich mangelt es der Gesellschaft dadurch auch an Vorbildern. Und das in so turbulenten Zeiten wie heute: die schleppende Regierungsbildung, das Erstarken der AfD, der Klimawandel, die weiter schwelende Flüchtlingskrise und die Kriege im Nahen Osten, die Politik eines Donald Trump, die Digitalisierung – all das verunsichert die Deutschen zutiefst. Wurden einem früher wichtige Entscheidungen durch die Politik, familiäre, religiöse und kulturelle Normen beziehungsweise Konventionen erleichtert, ist das Individuum heute wesentlich freier in seinen Entscheidungen, aber damit weitestgehend auf sich allein gestellt.

 

Die Qual der Wahl.

Das überfordert die Mehrheit der Menschen, die über so vieles entscheiden können wie nie zuvor: Das unerschöpfliche Warenlager, das schier unendliche Informationsangebot und die Möglichkeiten einer globalisierten Welt – es wirkt wie die große Freiheit. Aber der Fortschritt führt mehr oder weniger zu einem Entscheidungsdilemma: „Für alles, was wir tun, machen wir etwas anderes nicht. Wer sich für etwas entschieden hat, wird daher danach oft geplagt von Zweifeln oder bedauert verpasste Möglichkeiten – und all das lenkt dann von der Zufriedenheit ab, die man eigentlich nach einer getroffenen Entscheidung empfinden könnte“, sagte Psychologieprofessor Barry Schwartz vom Swarthmore College einmal im Gespräch mit der ZEIT. Hinzu kommt das Perfektionsstreben westlicher Gesellschaften. „Wer perfekt sein will, läuft Gefahr, sich mit Entscheidungen schwerzutun und sie später zu bereuen“, so Barry Schwartz. „Wer nicht nach dem besten Partner, dem besten Job, dem besten Leben strebt, ist ein Idiot, hat keine Ahnung oder lässt sich ausnutzen. Das sind die impliziten Botschaften, die einem heute überall vermittelt werden. Und genau das ist ein Grund, warum gerade junge Menschen oft schlecht mit Entscheidungen umgehen können.“

 

Per Algorithmus entscheiden.

Das digitale Zeitalter verstärkt diesen Trend. Software und Maschinen laufen dem individuellen Denkvermögen und Erfahrungswissen in vielen Lebensbereichen allmählich den Rang ab. Technologien geben uns das Gefühl, dass wir Entscheidungen automatisieren und bequem an Maschinen delegieren können. So haben sich in den letzten Jahren algorithmische Systeme in unserem Alltag etabliert, die entscheiden, ob wir beispielsweise im Internet einen Kredit erhalten, wen wir über die Dating-App Tinder zu Gesicht bekommen oder welcher Bewerber zum Einstellungsgespräch eingeladen wird. „Der Algorithmus wurde entwickelt, um das Denken zu automatisieren, um schwierige Entscheidungen aus den Händen des Menschen zu nehmen“, kritisiert der US-Journalist Franklin Foer in seinem kürzlich erschienenen Buch „World Without Mind: The Existential Threat of Big Tech". Seine Kritik ist vor allem an die großen Internetkonzerne wie Google und Facebook gerichtet, die den Menschen im Glauben bestärken wollen, Maschinen seien künftig die besseren Entscheider. Doch menschliche Intuition wird auf absehbare Zeit nicht zu ersetzen sein.

 

Jede Entscheidung ist besser als keine.

Letztlich braucht es für Entscheidungen Mut und Selbstbewusstsein. Wer aber ständig grübelt und immer versucht, alle Türen offenzuhalten, der betrügt sich am Ende selbst: Er geht der Verantwortung aus dem Weg und gibt sich stattdessen lieber mit Mittelmaß zufrieden. Wer etwas bewegen will, muss Entschiedenheit zeigen – und üben. Denn jede Entscheidung bringt Erfahrung und je mehr Erfahrung man hat, desto bessere Entscheidungen trifft man. Das ist eine Erfolgsspirale, die man nur selbst in Gang bringen kann. „Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat noch nie etwas Neues probiert“, sagte Albert Einstein. Schließlich ist das Neue immer auch Ausgangspunkt für den Fortschritt, ein neues Kapitel im Leben. Also entscheiden Sie sich, bevor es jemand – oder etwas – anderes für Sie tut.

 

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