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Inspiration für den Arbeitsplatz der Zukunft: Trendscout Raphael Gielgen im Interview.
Raphael Gielgen ist Trendscout Future of Work beim Schweizer Design-­Unternehmen Vitra. Er besucht mehr als 100 Unternehmen, Universitäten und Start-ups im Jahr, um herauszufinden, wie der Mensch von morgen arbeitet. Im Interview erklärt er, warum der Trend im Büro zurück zur Natur geht und der Schreibtisch nicht der einzige Ort zum Arbeiten ist.

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Herr Gielgen, Sie reisen um die Welt, um die Zukunft des Büros zu erkunden…

Raphael Gielgen: Moment. Ich reise eben nicht um die Welt, um mir neue Büros anzuschauen. Das wäre zu platt gedacht. Ich reise um die Welt, um zu verstehen, in welchem Kontext Arbeit zukünftig eingebettet sein wird. Dazu gehört auch die Architektur, aber eben nicht nur.

 

Wann haben Sie dabei das letzte Mal gedacht: „So könnte Arbeit in Zukunft aussehen!“

Da fallen mir zwei Beispiele ein. Das erste war beeindruckend und bedrückend zugleich. Ich war im Silicon Valley und habe gesehen, welche Riesenfortschritte die Firmen in den letzten Jahren gemacht haben. Da wurde mir klar, dass selbst die großen Unternehmen in Europa an diese Standards niemals herankommen werden.

 

Wie sieht Arbeiten dort aus?

Nehmen Sie den neuen Campus, den Google gerade bauen lässt: Wenn ich Bilder davon in Vorträgen zeige, denken die Leute, das sei eine Shopping Mall oder ein Zirkuszelt. Aber es ist ein Büro, das aussieht wie ein riesiger Regenschirm. Innerhalb dieser Zeltstruktur sind Kreativquartiere untergebracht. Je 30 Personen arbeiten dort wie in einer Wohngemeinschaft zusammen.

 

Warum diese Einteilung?

Die Teams bilden sozusagen das individuelle Umfeld. Sie haben sehr viel Autonomie. Wie sie ihre Arbeit erledigen, Entscheidungen treffen, sich organisieren – all das entscheiden sie selbst. Und Google erzielt damit sehr gute Ergebnisse. Es ist attraktiv, dort zu arbeiten. Und dann funktioniert das wie bei der Champions League im Fußball. Jeder weiß: Das sind die besten Kolleginnen und Kollegen, die ich auf der ganzen Welt kriegen kann. Das ist natürlich ein Ansporn. Da will

man dann hin.

 

Was war das zweite Erlebnis, bei dem Sie kürzlich dachten: „Ah, Zukunft!“

Das war in Shenzhen. Da ging es weniger um einen Arbeitsort per se als um ein Mindset. In China gibt

es eine Art „Betakultur“, die ich so noch nicht erlebt habe. Alles ist ständig auf Anfang, das Wissen erreicht nie einen faktischen Zustand. Und das ist bei allen so: Ob das Zulieferer sind, Produzenten, Ingenieure, Designer. Das Ganze erinnert an einen Schwarm fliegender Stare. Bei denen ist das ja so: Jeder Vogel fliegt immer koordiniert gemeinsam mit den sieben Vögeln um sich herum. Im Grunde funktioniert es in Shenzhen genauso: Es ist ein kooperatives System, das sich ständig anpasst.

 

Wie spiegelt sich all das konkret am Arbeitsplatz wider und in der Auswahl der Möbel?

Eine Sache, die klar ist: Ob im Silicon Valley oder in Shenzhen – Schreibtische machen nur noch etwa die Hälfte der Arbeitsfläche aus. Der Rest besteht aus sogenannten Hospitality-Flächen, offenen Flächen, auf denen nicht statisch gearbeitet wird, sondern im Austausch mit anderen immer wieder neues Wissen generiert wird. Das ist ein permanenter Prozess, ein Fluss.

 

Vogelschwärme, Flüsse: Führt der Weg in die Zukunft zurück in die Natur?

Das ist ein wichtiger Aspekt. Google plant immer einen Garten mit ein, den sich vier oder fünf Teams teilen. Diese Gärten sind alle unterschiedlich, damit du dich auch ganz bewusst mal woanders mit Kollegen triffst. Das Architektenbüro WRNS baut gerade ein neues Büro, da sind sogar die Verbindungswege zwischen den Campusgebäuden als Park angelegt. Und das sind keine FürstPückler-Parks, sie haben dort quasi die Biodiversität von vor 200 Jahren wiederhergestellt.

 

All das geht natürlich nur mit enormem finanziellem Aufwand.

Ja, leider. Und so etwas hat in Deutschland einfach keiner im Budget. Das ist schade. Hier werden wir vielleicht nie in den Genuss solcher visionärer Arbeitsumfelder kommen.

 

Wie viel hat der perfekte Arbeitsplatz mit unserer Kultur zu tun? Sind beispielsweise Engländer in anderen Räumen produktiv als Japaner?

Es gibt in der Architektur eine gewisse Internationalisierung. Wir alle nutzen Skype, wir alle nutzen Smartphones – deshalb denken wir, auch in ähnlichen Räumen arbeiten zu können. Aber unsere Kultur prägt zum Beispiel, wie wir mit Kunden oder unseren Vorgesetzten umgehen. Das Büro muss zur jeweiligen Unternehmenskultur passen und authentisch sein. In einer  Wirtschaftsprüfungskanzlei, in der Autorität und Ordnung von jeher zur Kultur gehören, kann ich kein Bällebad montieren. Die Menschen spüren es, wenn das Unternehmen eine Maske trägt.

 

Womit sollte ein Unternehmen anfangen, das nicht von heute auf morgen alles umbauen kann?

Mit einem Beta-Space – dem genauen Gegenpol von dem, was man heute hat. So entsteht eine Spannung. Ich würde zum Beispiel einen Raum schaffen, der für die Iteration gebaut ist, fürs gemeinsame Ausprobieren und Experimentieren.

 

Und dann breitet sich das aus?

Dann hat man erst einmal beide Welten: eine alte und etwas Neues. Und dann wird man anfangen darüber nachzudenken, welche Vorteile jede Welt für sich genommen hat. Und dann beginnt man, über Unterschiede nachzudenken. Aber das neue Denken kommt dann nicht manipulativ, sondern aus der Inspiration der Leute heraus. Das ist ein guter Anfang.

 

 

Raphael Gielgen

Ihr Bechtle Ansprechpartner für den Modern Workplace.

Thorsten Krüger

Business Manager Consulting Services

thorsten.krueger@bechtle.com

 

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Veröffentlicht am 03.07.2019.