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„Technologie macht die Menschheit menschlicher“ – Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky im Interview
Lieben Sie Ihre Zukunft? Oder haben Sie Angst vor ihr? Während die einen die Risiken der Veränderung betonen, wollen die anderen die Zukunft gestalten und besser machen. Für Sven Gábor Jánszky ist die Antwort leicht: Der Leiter der Denkfabrik „2b AHEAD ThinkTank“ ist von Berufs wegen Optimist. Im Interview verrät der Zukunftsforscher, welche Technologie unsere Welt bis 2030 am stärksten verändert, weshalb Arbeitnehmer bald am längeren Hebel sitzen und wieso Technologie uns menschlicher macht.

Sven Gábor Jánszky ist Chairman des größten Zukunftsforschungsinstituts Europas, des „2b AHEAD ThinkTank“. Unter seiner Leitung entwerfen alljährlich 300 CEOs und Innovationschefs der europäischen Wirtschaft Zukunfts-Szenarien und Strategieempfehlungen der kommenden zehn Jahre. Davor leitete er unter anderem die Politik- und Nachrichtenredaktion bei MDR Sputnik und beriet den Intendanten des MDR zu Zukunftskonzepten. Der studierte Journalist ist Autor mehrerer Trendbücher und begleitet Unternehmen als Strategiecoach dabei, positive Zukunftsbilder zu entwerfen und zu erreichen.  

  1. Welche Technologie wird unsere Welt bis 2030 am stärksten verändern?

Die größte Veränderung in den nächsten zehn Jahren bringt natürlich die Künstliche Intelligenz. Wir müssen uns gewahr werden, dass die verfügbare Intelligenz in der Welt steigt, sie steigt möglicherweise sogar über menschliches Niveau. Wahrscheinlich noch nicht bis 2030, aber danach. Und das bringt wahnsinnig viele Vorteile für die Welt. Weil wir plötzlich Dinge lösen, die die limitierte menschliche Intelligenz bisher nicht lösen konnte: Hunger, Trinkwasserversorgung, Energieversorgung… Wir waren technologisch noch nie so dicht dran. Künstliche Intelligenz bringt uns in die Lage, genau diese Probleme zu lösen.

 
  1. Was macht menschliche Intelligenz dann noch aus, wenn ihr die Künstliche Intelligenz überlegen ist?

Es gibt in der Zukunftsforschung zwei Denkrichtungen: Die Einen denken, dass menschliche Intelligenz und Künstliche Intelligenz sich bekämpfen werden. Dass also menschliche Intelligenz so bleibt wie sie ist und Künstliche Intelligenz sich entwickelt, immer besser wird und es dann zum Kampf Mensch gegen Maschine kommt. Wenn das so käme, dann wäre das Ergebnis wahrscheinlich, dass Menschen sich in Reservate zurückziehen würden, um dort menschlich zu bleiben und den Rest der Welt den intelligenteren Maschinen überlassen würden. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Ich halte den zweiten Weg für sehr viel wahrscheinlicher: Menschen nehmen diese Technologien in ihren Körper auf. Die Geschichte der menschlichen Evolution ist eine Geschichte der Anpassung, eine Geschichte der Körperoptimierung. Wir leben heute so lange, weil wir Medizin erfunden haben. Sind länger jung, weil wir mehr Sport treiben und uns gesünder ernähren. Das menschliche Grundbedürfnis ist es, den menschlichen Körper zu optimieren. Daher ist der Kampf zwischen Mensch und Maschine so unwahrscheinlich, vielmehr erwarten wir ein „Upgrade“ der menschlichen Spezies.

  1. Wie wird sich die Arbeitswelt bis 2030 verändern?

Bis 2030 erleben wir die Massenverrentung der Babyboomer-Generation. Das Ergebnis ist, dass wir schon 2025 etwa 6,5 Millionen Menschen weniger im deutschen Arbeitsmarkt haben als bisher. Es rücken die die geburtenschwachen Jahrgänge nach, die allerdings die Lücke nicht ausgleichen können. Das heißt Vollbeschäftigung. Jeder der halbwegs gut ausgebildet ist, hat einen Job und es gibt wahrscheinlich drei Millionen unbesetzte Stellen. Was wir heute als Fachkräftemangel bezeichnen, wird sich in den nächsten zehn Jahren vielfach multiplizieren. Für die Arbeitnehmer ist Vollbeschäftigung großartig, da bei jedem alle zwei Wochen der Headhunter anruft und gute Angebote unterbreitet. Darauf werden die Menschen unterschiedlich reagieren: Die einen lehnen ab und bleiben bei ihrem Unternehmen, die anderen wissen, dass sie eigentlich gar nichts falsch machen können, da der Headhunter sowieso wieder anruft. Dadurch entstehen die sogenannten Projektarbeiter, das sind Menschen deren Erwerbsbiografie 15  und mehr verschiedene Stationen aufweist.

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  2. Wie wird sich die Blockchain-Technologie entwickeln?

Es gibt zwei Richtungen, in die sich die Blockchain-Technologie entwickeln wird. Das eine ist die Entwicklung von Währungen. Wahrscheinlich werden wir sogenannte „Stable Coins“ sehen. Stabile Währungen, die hinterlegt sind mit Werten und möglicherweise 1:1 mit heutigen Währungen gekoppelt sind. Wir werden viele Konkurrenzwährungen in der Welt sehen, die alle digital sind. Sie werden die Art und Weise wie wir bezahlen und die Steuerung von Währungswerten verändern. Die weitaus wichtigere Auswirkung ist aber eine andere: Wir Zukunftsforscher gehen davon aus, dass im Jahr 2030 in jeder Branche mindestens eine eigene Blockchain vorherrscht. Und das sozusagen als Betriebssysteme, auf denen alle Akteure in dieser Branche arbeiten. In denen sie viel effektiver, viel billiger arbeiten als heute. Die große Frage ist dann: Wer hat die Macht über diese Blockchains? Wenn ich in einer Branche nur eine einzige Blockchain habe und ich bin derjenige, der sie steuern kann, dann habe ich natürlich eine wahnsinnige Macht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es in einer Branche mit fünf großen Playern, dann auch fünf Blockchains gibt. Das heißt: Blockchain wird zum Betriebssystem einzelner Branchen und jede Branche bekommt ihre eigene.

 
  1. Was machen die neuen Technologien mit uns als Menschen?

Zukunftsforscher wie ich sind nicht der Meinung, dass Technologie die Menschheit unmenschlich macht. Genau das Gegenteil wird passieren. Dieses Leben wird menschlicher. Die Frage ist aber, was wir unter Menschlichkeit verstehen. Verstehen wir darunter die menschlichen Fehler, die unter anderem zu millionenfachem Leid in der Welt führen? Oder verstehen wir unter Menschlichkeit das Bestreben immer besser zu werden? Sich selbst zu optimieren, die Welt zu optimieren, vielleicht sogar die Natur zu optimieren? Wenn wir unter Menschlichkeit verstehen, dass alles so bleiben soll wie es ist, dann werden wir in unserer Argumentation ein Problem bekommen, da Technologie uns die Möglichkeit gibt, menschliche Fehler auszubessern. Wenn mein Verständnis von Menschlichkeit aber ist, dass es meine Aufgabe ist, Dinge zu verbessern, meinen Kindern ein besseres Leben zu schaffen – dann werde ich Technologie benutzen und sie wird mir in den nächsten zehn Jahren so viel ermöglichen wie noch nie. Ob es menschlicher oder unmenschlicher wird, liegt nicht an der Technik, sondern nur an uns.

 
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Links zum Thema.
  • Artikel: Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Collaboration-Experte Tony Redmond im Video-Interview

Veröffentlicht am 07.03.2019.