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Logistik mit Zukunft: Von der Lieferkette zum Netzwerk.
Logistik ist mehr als nur der Transport von Produkten. Es ist eine Querschnittsdisziplin, die unsere Wirtschaft in Gang und unsere Waren in Bewegung hält. Logistiker handeln im Hintergrund und denken weit voraus. In ihren Visionen geht es nicht nur um den optimalen Weg zwischen A und B, sondern darum, Produkte mit Informationen aufzuladen, damit sie sich selbst intelligent steuern. Die Ansprüche werden individueller und die Technik komplexer. Welchen Herausforderungen sich die Branche stellen muss, erklärt Dr. Susanne Hetterich, Professorin für Technisches Logistikmanagement an der Hochschule Heilbronn.

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Beim Stichwort Logistik denken viele sofort an den Transport von Waren. Wie definieren Sie Logistik?

Logistik bedeutet vor allem Versorgungssicherheit, das heißt, ein Bedarf soll unter weitgehender Vermeidung jeder Verschwendung an Gütern und Ressourcen erfüllt werden. Die Kernelemente der Logistik umschreibt die sogenannte „Sechs-R-Regel“ anschaulich: Das richtige Gut muss in der richtigen Menge, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, in der richtigen Qualität und zu den richtigen, also angemessenen Kosten ankommen. Das erfordert nicht nur intelligente Steuerungsstrategien, sondern viel grundsätzlichere Kompetenzen. Neben der Versorgungssicherheit rückt derzeit der Umweltaspekt in den Fokus. Beispielsweise bei der Frage, wie Verpackungskreisläufe nachhaltig gestaltet und Altgeräte entsorgt werden können.

 

Welche Themen beschäftigen Logistikverantwortliche in diesem Zusammenhang ganz besonders?

Zwei Themen sind aktuell bestimmend: Klimaschutz und Digitalisierung. Begrenzte Energieressourcen und die globale Umweltverschmutzung betreffen in erster Linie die Extralogistik, also die Transportlogistik, bleiben aber nicht ohne Auswirkung auf die gesamtlogistischen Prozesse. Verpackungen, aber auch Geschäftsmodelle wie der Onlinehandel und das damit verknüpfte Thema Retouren spielen eine Rolle. Die Effekte gehen dabei weit über Transporte und Entsorgung hinaus. Hier werden wir Antworten finden müssen. Nachhaltigkeit spielt generell eine immer wichtigere Rolle. Neben den Umweltaspekten werden heute häufiger auch Menschenrechte oder Korruption thematisiert.

 

Sie sprachen auch das Thema Digitalisierung an.

Die Digitalisierung als zweites Trendthema ist eng mit Infrastruktur und Fachkräftemangel verbunden, dicht gefolgt von globalen Faktoren wie den aktuellen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Mittelfristig sehe ich auch strategische Aktivitäten wie das Projekt Neue Seidenstraße, das stellvertretend für die Sicherung strategischer Ressourcen und Strukturen durch globale Player steht. Bei all diesen Punkten müssen wir sehr darauf achten, dass wir nicht den Anschluss verlieren.

Gleichzeitig werden die Kunden anspruchsvoller, sie erwarten hohe Geschwindigkeit in der Abwicklung, ein hohes Maß an Transparenz und eine Durchgängigkeit von der Bestellung bis zur Leistungserbringung. Eine weitere nicht zu unterschätzende Herausforderung ist das Thema Demografie.

 

Inwiefern Demografie?

Laut einer aktuellen Studie von Ernst & Young werden wir in Deutschland bis 2030 rund 3,5 Millionen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung haben. Gleichzeitig wird das durchschnittliche Alter der Beschäftigten weiter ansteigen. Dazu wird unsere Arbeitswelt immer digitaler. Wir müssen also fragen, wie wir dauerhaft die Lern- und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter in einer älter werdenden Gesellschaft erhalten können. Wie bilde ich meine Mitarbeiter fort? Und welche Verbesserungen sind zum Beispiel bei der ergonomischen Ausgestaltung der Arbeitsplätze möglich? Auch das Thema Zuwanderung von Spezialisten wird in diesem Zusammenhang diskutiert. Daneben wird es bedeutender, dass sich die IT weiterentwickelt, um dem Wunsch nach schlanken, flexiblen Prozessen nachzukommen. Bechtle zeigt hier bereits ein hohes Maß an Innovationskraft. Es ist wichtig, vorauszudenken, eine Vision zu entwickeln und die Strukturen der Logistik entsprechend vorzubereiten, um auch künftig erfolgreich agieren zu können.

Prof. Dr. Susanne Hetterich.

 

Dr. Susanne Hetterich wurde 2010 als Professorin der Fakultät für Technische Prozesse im Studiengang Technisches Logistikmanagement an die Hochschule Heilbronn berufen. Sie studierte Diplom-Wirtschaftsingenieurwesen an der TH Karlsruhe (heute KIT) und promovierte später an der Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Ulm. Weitere berufliche Erfahrung sammelte sie als Senior Manager bei PricewaterhouseCoopers, als Wissenschaftlerin, unter anderem beim Forschungsinstitut für Anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm, als Senior Consultant bei WPC Consult sowie als IT-Revisorin bei der Revidata GmbH.

Zu den wichtigen Lösungsthemen der IT-Branche gehört Cloud Computing. Spielt das Thema für die Logistik eine Rolle?

Cloud Computing hat für die Logistik den Charme, dass Daten zu jeder Zeit über unterschiedliche Endgeräte für alle verfügbar sind. Das ist die Grundlage für Lean-Logistics-Konzepte, also für intelligente, schnelle, flexible und schlanke Strukturen. Die Lean-Philosophie betrifft den gesamten logistischen Prozess und ist als Vermeidung von jeglicher Verschwendung zu verstehen – keine hohen Bestände, keine unnötigen Bewegungen von Waren und Menschen. Darin sehe ich durchaus einen Treiber für kostengünstige und serviceorientierte Lösungen. Ein Problem stellt dabei die Speicherung sensibler Daten auf zentralen Servern häufig ausländischer Datengiganten in den USA oder China dar. Hier entstehen neue Risiken, die potenziell ganze Netzwerke und sogar Branchen beeinträchtigen können. Auch dezentrale und als sicher geltende Technologien wie Blockchain beschäftigen uns. Sie ermöglichen digitale, überall verfügbare Informationen zur gesamten Lieferkette –  und das möglichst in Echtzeit. Das wird natürlich neue IT-Infrastrukturen und IT-Kompetenzen abverlangen.

Studie: Wie Deutschland morgen arbeitet – Trends und Risiken bis 2030.

 

ZUR STUDIE

 

Denken Sie, dass langfristig der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Nachhaltigkeit und dem Kostendruck überwunden werden kann?

Dieses Spannungsfeld wird uns verstärkt beschäftigen. Stand heute spielt die Logistik in den Kostenkalkulationen vieler produzierender Unternehmen noch eine untergeordnete Rolle. Aber wir beobachten einen Wandel. Während früher die Logistik als kostenminimale Bereitstellung von Material mit hoher Verfügbarkeit und entsprechenden Bestandsmengen begriffen wurde, werden – auch unter dem Eindruck zunehmender Individualität, Schnelligkeit und Komplexität – intelligente und proaktive Steuerungssysteme immer bedeutsamer für den Unternehmenserfolg. Ergänzend interessieren sich Kunden stärker für die Nachhaltigkeit von Produkten und Leistungen. Man denke angesichts der Problematiken Erderwärmung, Feinstaub und Meeresverschmutzung nur an die Fridays-for-Future-Demonstrationen und den Druck auf Politik und Wirtschaft. Nachhaltigkeit wird zu einem Gütesiegel und Argument für eine Kaufentscheidung der Kunden. Dabei hilft Nachhaltigkeit sogar häufiger als oft von Unternehmen angenommen, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Aber auch das wird erst wahrgenommen, wenn entsprechende Transparenz durch Kennzahlensysteme vorhanden ist, die dann über die Berichterstattung oder Zertifikate im Sinne von „Tue Gutes und berichte darüber“ genutzt werden kann.

 

Welche Branche ist denn Ihrer Meinung nach hinsichtlich der Logistik voraus?

Das kommt auf den Blickwinkel an. Die Automobilindustrie ist sicher in Sachen Just-in-time-Anlieferung und bei der Steuerung der Lieferanten ein Vorreiter. Bei der Lebensmittellogistik muss hingegen die Lieferkette nachvollziehbar sein, die Kühlkette darf nicht unterbrochen, die verderbliche Ware muss schnell von A nach B transportiert werden. Hier werden bereits sehr hohe Standards realisiert. In der Medizintechnik ist es die Chargen-Rückverfolgung, die gewährleistet sein muss. Wer Innovationen vorantreiben will, tut gut daran, verschiedene Branchen anzusehen und sich jeweils die Sahnestückchen innerhalb der Prozesse herauszupicken. Ein gutes Beispiel ist Henry Ford. Er hatte sich das Fließbandprinzip in amerikanischen Schlachthöfen abgeschaut und damit die Automobilbranche revolutioniert. Beim Benchmarking über den Tellerrand der eigenen Branche hinauszuschauen, ist ein wesentlicher Baustein für Innovationen.

 

Welche interessanten Fragestellungen gibt es denn derzeit in der Forschung?

Logistik ist eine Querschnittsdisziplin. Entsprechend vielfältig sind die Forschungsfragen. Bereits seit längerer Zeit stehen organisatorische Optimierungen der Prozesse im Fokus vieler Forscher. Daneben ist die Fabrik 4.0 ein wichtiges Forschungsthema. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung stehen noch viele spannende Fragen im Raum. Beispielsweise, wie sich Produkte als Informationsträger selbst steuern und wie logistische Anlagen mit Intelligenz versehen werden können, damit Regal- und Fördersysteme sich exakt so anordnen, wie es der jeweils aktuelle logistische Prozess erforderlich macht. Das bedeutet vor allem eine IT-seitige Abbildung von Innovationen. Data Analytics, Selbststeuerung durch lernende Algorithmen und Machine Learning stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung und werden ein enormes Potenzial entfalten.

 

Gibt es neben der technischen Seite auch andere Forschungsschwerpunkte?

Wir beschäftigen uns an der Hochschule Heilbronn intensiv mit dem Thema Ergonomie, das bisher eher in der Produktionsforschung abgebildet wurde. Die Logistik aber zeigt eine große Varianz in den Tätigkeiten, denken Sie allein an das Kommissionieren. Beim Zusammenstellen und Verpacken der bestellten Waren sind viele Handgriffe notwendig, die sich je nach Größe und Schwere der Güter sehr unterscheiden. Mit welchen technologischen Lösungen können Mitarbeiter entlastet und damit ihre Gesundheit langfristig erhalten werden? Auch das ist eine Frage an die Forschung.

 

Denken Sie, dass eine Steigerung der Fulfilment-Quote – also der Versand vom Hersteller und Distributoren direkt zum Kunden – eine Lösung für mehr Effizienz bei der Lieferung von Waren sein kann?

Hier gibt es Grenzen. Unter Umständen erhöhen Direktlieferungen vom Hersteller an Kunden die Logistik und produzieren dadurch mehr Verkehr und damit auch mehr CO2. Die Effizienzsteigerung der Prozesse liegt eher darin, besser zu organisieren und Aufträge zu bündeln, damit die Kapazitäten optimal ausgelastet sind. Ich verwende daher nicht mehr gerne den Begriff Lieferkette. Viel passender ist es, von einem Netzwerk zu sprechen. Übrigens ist auch das ein wichtiges Zukunftsthema. In vernetzten Strukturen wird die IT der wesentliche Schlüssel sein.


Nachhaltigkeit wird zu einem Gütesiegel und Argument für eine Kaufentscheidung der Kunden. Dabei hilft Nachhaltigkeit sogar häufiger als oft von Unternehmen angenommen, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

 

Prof. Dr. Susanne Hetterich

 

 
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E-Commerce hat sich zu einem Echtzeit-Business entwickelt. Wer privat bestellt, ist inzwischen daran gewöhnt, seine Bestellung binnen weniger Tage zu erhalten. Wie gehen Logistiker mit dem Wettstreit gegen die Uhr um?

Echtzeit heißt Durchgängigkeit und Transparenz der Daten über den gesamten Prozess, um direkt auf Anforderungen reagieren zu können. Hier muss der sogenannte „Bullwhip Effect“, der Peitscheneffekt, berücksichtigt werden. Darunter verstehen wir, ganz plakativ ausgedrückt, dass schwankende Bedarfe beim Endkunden zu massiven Überbeständen führen können. Wer diesen Effekt umgehen und Kosten vermeiden möchte, muss ein sehr schnelles Reaktionsvermögen zeigen. Hier sind wir wieder bei den Anforderungen an intelligente Organisationsmodelle und der dahinterstehenden IT.

 

Wer mit einem Klick bestellt, …

… erwartet eine genauso schnelle Abwicklung des Auftrags. Die Durchgängigkeit der logistischen Prozesse im Unternehmen und zu den Lieferanten ist hier von größter Bedeutung. Die Welt wird in jeder Beziehung mobiler. Das hat Auswirkungen auf die unterschiedlichen Verkehrsträger wie auch auf den Einsatz mobiler IT-Endgeräte. Die großen Marktplatzanbieter machen uns schon jetzt vor, wie intelligent vernetzte Logistik funktioniert.

 

Sie sind damit auch ein positiver Treiber für kreative Lösungen, oder?

Die Konkurrenz, das Transportvolumen auf den Verkehrswegen und durch Retouren führen zu ganz neuen Ideen. Technische Konzepte wie Drohnen oder Shuttles, 3D-Druck oder intelligente Verkaufsautomaten werden ebenso eine Rolle spielen wie proaktive Disposition durch datengestützte Prognosen für Ersatzteile. IT im Sinne von Data Analytics und Künstlicher Intelligenz kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Die Verbraucher sind heute digital und Daten das Gold der Wirtschaft. Wer seinen Kunden so gut kennt, dass er weiß, was der Kunde möchte, noch bevor dieser es selbst weiß, kann proaktiv planen und einen Marktvorteil erzielen.


 Die Verbraucher sind heute digital und Daten das Gold der Wirtschaft.

 


Ansprechpartner.

Bechtle update Redaktion
update@bechtle.com

 

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Veröffentlicht am 07.11.2019.