DE | Deutsch
AGB, Cybercrime, Datenschutz – über Vertrauen im Internet.
Wenn wir einer Person vertrauen, erwarten wir, dass sie verantwortlich handelt und uns nicht benachteiligt. Das Vertrauen vermittelt uns ein persönliches Gefühl der Sicherheit. Wie aber funktioniert Vertrauen in einem überwiegend anonymen Raum wie dem Internet? Ein Interview mit Matthias Kammer, Vorsitzender des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet.
How does trust work on the internet, where people are often anonymous?

Matthias Kammer: Trust is one of the glues that hold society together. Trust is essential whenever we come into contact with something we don’t fully understand, because when we understand something, we’re no longer relying on trust. A great deal rests on trust, and that is also true for the digital world, whether we place our trust in another person, or base it on someone else’s experience. This is simply a new experience we’re having, but because our experiences are mostly positive, we trust that it will always be that way.

 

 

But the number of negative experiences—such as cyberattacks—is steadily rising...

We’re dealing with huge numbers, sure, but they bear no relation to the experience of the individual.The concrete negative experience of one person is rarely projected to society as a whole. And that’s the funny thing, if you will, about the whole down side of digitalisation or the digital world.Those who are actually affected experience this as a personal crisis. Yet because the masses rarely share in this personal crisis, it does not overshadow the positives of digitalisation.

 

Herr Kammer, wie funktioniert das Prinzip Vertrauen im anonymen Internet?

Matthias Kammer: Vertrauen ist ein ganz zentraler Kit für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Vertrauen greift immer dann, wenn wir uns auf etwas einlassen, das wir nicht genau verstehen. Wenn ich etwas verstehe, brauche ich kein Vertrauen. Vertrauen ist die Grundlage für ganz Vieles und funktioniert in der digitalen Welt nicht grundlegend anders. Weil wir meistens positive Erfahrungen mit dem Internet machen, vertrauen wir darauf, dass das auch in Zukunft so sein wird.

 

 

Aber die Fälle von negativen Erfahrungen – Stichwort Cybercrime – nehmen ja zu …

Wenn man das in Relation sieht, handelt es sich bei den Cybercrime-Fällen zwar um große Zahlen, aber die konkrete Betroffenheit der Einzelnen lässt sich nicht verallgemeinern. Das ist ein Phänomen der, wenn man so will, Schattenseiten der Digitalisierung oder digitalen Welt. Diejenigen, die von Kriminalität persönlich betroffen sind, erfahren eine einschneidende Lebenskrise. Aber da wir an Lebenskrisen von Einzelnen in großer Breite selten teilnehmen, werden sie durch das Positive, das das Digitale bietet, in den Schatten gestellt.

 

kammer_public_sector_day.jpg

Matthias Kammer, Vorsitzender des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet, zu Gast beim Bechtle Public Sector Day 2018.

Wir akzeptieren AGB in blindem Vertrauen, aber sicher fühlen wir uns dabei nicht.

In unseren Studien beobachten wir, dass die Menschen in einer geradezu alltäglichen paradoxen Situation leben. Einerseits möchten sie all die Vorteile des Internets nutzen, denn digitale Angebote erleichtern unseren Alltag in einem solchen Umfang, dass wir darauf nicht mehr verzichten möchten. Deswegen nehmen wir die mit dem Internet verbundenen Risiken ja in Kauf. Andererseits sind wir gleichzeitig in Sorge, dass wir negativ betroffen sein könnten. Das ist ein Dilemma, das sich gut am Beispiel der AGB zeigt. Diese haben im Wesentlichen eine juristische Qualität, denn sie sollen mir als Anbieter die Abmahnindustrie vom Hals halten. Die Lektüre von AGB ist nahezu niemanden zumutbar. Würden wir alle AGB lesen, denen wir im Jahr zustimmen, wären wir 67 Tage beschäftigt. Das kann nicht sein. Hier besteht auf Dauer Handlungsbedarf. Dabei lässt sich meiner Meinung nach die Sorge der Menschen nicht dadurch mindern, dass man die AGB ändert, sondern es kommt wahrscheinlich eher darauf an, digitale Angebote so zu entwickeln, dass sie klar signalisieren, welche Qualität sie haben. Welche Sicherheit sie anbieten. Welchen Schutz sie für die Persönlichkeit ihrer Nutzer sich tragen. Das ließe sich vielleicht auf Dauer mit Gütesiegeln und so weiter lösen, da gibt es ja ein ganzes Feld von Möglichkeiten. In Deutschland stehen wir hier allerdings am Anfang.

 


Häufig bezahlen wir im Internet mit unseren persönlichen Daten. Ist uns das egal?

Wir haben in einer Befragung festgestellt, dass 72 Prozent der Menschen wissen, dass sie mit ihren persönlichen Daten zahlen, wenn sie Angebote im Internet kostenlos erhalten. Diese hohe Zahl hat mich selbst überrascht. Mindestens genauso bedeutsam ist aber auch, dass mehr als diese 72 Prozent, nämlich 80 Prozent, gleichzeitig fordern, solche Geschäftsmodelle zu verbieten. Das ist ein echtes Paradoxon, ein echtes Dilemma, das zeigt: Ich möchte einerseits die Vorteile haben, aber ich möchte nicht, dass es mit diesen Geschäftsmodellen geschieht. Das Bewusstsein für den Verkauf seiner selbst ist da, aber auf die Angebote zu verzichten geht nicht, weil wir uns so sehr in der Vorteilhaftigkeit des digitalen Lebens verstrickt haben, dass es überhaupt nicht mehr weg denkbar ist.


Welche Regelungen fehlen im digitalen Raum?

Regelungen und Standards die gesetzt werden sollten, dürfen auf keinen Fall Innovationen behindern. Die europäische Datenschutzgrundverordnung, die im Mai in Kraft treten wird, bringt Ansätze mit. Wir nennen das „privacy by default“ oder „privacy by design“,  also Gestaltungselemente in den digitalen Produkten, die den Menschen die Sorge nehmen können, dass ihnen bei der Nutzung dieser Produkte in ihrer Privatsphäre Schaden zugefügt wird. Wenn man sich darauf verlassen kann, dass Unternehmen diese Regelungen in ihrer Technik umsetzen, dann sind wir einen guten Schritt weiter.

Veröffentlicht am 08.02.2018.