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Gerhard Thiele: "Die Raumfahrt verändert sich fundamental."
Gerhard Thiele ist es gewohnt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Der promovierte Physiker und Astronaut kennt den Blick aus dem Space Shuttle ebenso wie die Rolle des zentralen Missionskommunikators im Johnson Space Center in Houston. Beim Treffen der Bechtle Projektmanagement Community trafen wir den ehemaligen Leiter des Europäischen Astronautenkorps zum Interview.

Herr Dr. Thiele, der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking mahnte in seinen letzten Lebensjahren zur Eile bei der Erschließung fremder Planeten. Kann diese Exit-Option ein echter Treiber der bemannten Raumfahrt werden?

 

Ich schätze und bewundere Stephen Hawking ob seiner großen Lebensleistung, in dieser Einschätzung folge ich ihm jedoch nicht. Die Hauptmotivation der Raumfahrt ist aus meiner Sicht ganz einfach der Umstand, dass wir Menschen sind – und als Menschen sind wir grundsätzlich neugierig. Wir wollen unser Wissen beständig erweitern, Dinge begreifen, die wir noch nicht verstehen. Kleine Kinder lernen, in dem sie etwas zunächst wortwörtlich greifen und mit allen Sinnen wahrnehmen. Nun ist das Weltall so riesengroß, dass es nicht einfach ist, sich den dort befindlichen Dingen unmittelbar zuzuwenden. Es ist aber nur logisch, dass man den Versuch unternimmt, in die nächste Umgebung zu gelangen.

 

Welche Bedeutung haben dabei Vorhaben, den Weltraum stärker ökonomisch zu nutzen?

 

Natürlich spielt auch das eine Rolle. Je mehr wir lernen, desto mehr Vorstellungen haben wir davon, was wir mit dem erlangten Wissen und Können anfangen können. Nehmen wir die Space-Shuttle-Mission, bei der ich als Astronaut beteiligt war. Es ging dabei um die Neuvermessung der Erde – hochgenau und sehr präzise. Ausgangspunkt war damals die einfache Frage in der Forschung: Wie sieht unsere Erdoberfläche wirklich aus? Wenn man nun bedenkt, wer bis heute alles auf diese Daten zurückgreift, dann ist das erstaunlich. Mit den topographischen Daten, die wir gewonnen haben, richtet eine Solarfirma in Südkalifornien ihre Anlagen optimal im hügeligen Gelände aus. Die Daten stecken aber auch in den Anflugkarten von Flugzeugen – und sie dienen bis heute als Referenzdaten für Wissenschaftler weltweit.

 

Sie halten große Stücke auf den Technologie- und Raumfahrtunternehmer Elon Musk. Was fasziniert Sie an ihm?

 

An Elon Musk beeindruckt mich, dass er sich sehr ambitionierte Ziele setzt und damit seine Mitarbeiter zu außergewöhnlichen Leistungen anspornt. Bestes Beispiel aus dem Bereich der Raumfahrt ist, dass es seiner Firma SpaceX gelungen ist, die erste Raketenstufe sicher aus dem All zurück zur Erde zu bringen – und das nicht nur einmal, sondern inzwischen viele Male. Die Transportkosten machen bis zu einem Drittel des Budgets einer Mission aus. Es ist es ein Riesenunterscheid, wenn man diese Kosten um den Faktor zehn reduziert. Das ist sein Anspruch.

 

Nun ist Elon Musk nicht nur ein Weltraumspediteur, sondern auch ein Visionär, der ähnlich wie Stephen Hawking die Besiedlung des Mars als Ziel ausgibt. Halten Sie das für zu weit in die Zukunft gedacht?

Ich denke, sein Zeitplan ist sehr optimistisch. Die jüngeren Generationen werden noch sehen, wie Menschen auf den Mars fliegen. Aber nicht wie bei den Apolloflügen auf den Mond, um zu erkunden. Man wird auf den Mars gehen, um dort zu bleiben. Das heißt nicht, dass Menschen hinfliegen und den Rest ihres Lebens dort verbringen werden. Die Infrastruktur wird nach und nach entstehen. Wie die Entwicklung genau aussehen wird, darauf dürfen wir gespannt sein.


Es ist unbestreitbar, dass es mit dem Fortschritt auf dem Gebiet der IT und der Vernetzung, mit der stetigen Verkleinerung von Komponenten und wachsender Rechenleistung immer mehr Aufgaben geben wird, die technische Lösungen vorteilhafter erscheinen lassen als den Einsatz von Menschen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass der Mensch sich nicht überall ersetzen lässt.


 

 

 

KI und Robotik sind vieldiskutierte Themen. Können Sie sich vorstellen, dass Systeme der Künstlichen Intelligenz die Funktionen von Astronauten übernehmen?

 

Es ist unbestreitbar, dass es mit dem Fortschritt auf dem Gebiet der IT und der Vernetzung, mit der stetigen Verkleinerung von Komponenten und wachsender Rechenleistung immer mehr Aufgaben geben wird, die technische Lösungen vorteilhafter erscheinen lassen als den Einsatz von Menschen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass der Mensch sich nicht überall ersetzen lässt. Ich persönlich gehe sehr gerne wandern, einer meiner Lieblingsberge ist der Watzmann. Wenn man im Tal eine Bodenstation bauen und mir anbieten würde, statt des anstrengenden Aufstiegs eine Brotzeit zu genießen und zum Fotografieren einen auf dem Gipfel installierten Roboter zu nutzen – wofür denken Sie, würde ich mich entscheiden?

 

Die Antwort scheint klar. Denkt man jedoch an die weite Reise zum Mars, könnten dann Systeme, die kognitive Fähigkeiten des Menschen nachbilden, eine Option sein?

 

Das kann durchaus sinnvoll sein, als Ergänzung und Unterstützung. Aber der Mensch wird es sich nicht nehmen lassen, diesen Schritt selbst zu gehen. Es ist etwas ganz Anderes, wenn Sie hinterher mit einem Menschen über das Erlebte sprechen oder mit einem Roboter. Das ist ein gravierender Unterschied.

 

 

Bei aller Perfektion in der Vorbereitung begleitet uns immer das Unerwartete. Wie trainiert man kreative Problemlösung in der bemannten Raumfahrt?

 

Wenn man sich an Apollo 13 erinnert, war das wirklich extrem kreativ, wie die Akteure mit der kritischen Situation umgegangen sind. Wären sie den normalen Standards und Prozeduren verhaftet geblieben, hätte man Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise nicht auf die Erde zurückbringen können. Ich bezweifle aber, dass man das wirklich trainieren kann. Wir können Rahmenbedingungen schaffen, durch die erfolgreiches Handeln noch wahrscheinlicher wird. Dazu gehört, die Stärken von Menschen gezielt auszubauen und sie dementsprechend einzusetzen.

 

Sie denken an Talentmanagement?

 

Das ist das A und O. Es kommt zur Erreichung eines Ziels auf den richtigen Mix eines Teams an. Beispiel aus der Raumfahrt: Für eine EVA (Extra Vehicular Activity) außerhalb des Raumfahrzeugs benötigt man bestimmte Voraussetzungen. Jemand der groß und kräftig ist, tut sich dabei leichter. Das heißt nicht, dass es ein anderer nicht tun könnte, aber bei einer Mission, wo EVAs absolute Schlüsselelemente sind, wäre es unklug, das unberücksichtigt zu lassen. Es geht darum, Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten zusammenzubringen, die sich zum Nutzen aller ergänzen.

 

Ihre Tochter Insa Thiele-Eich ist eine der beiden ersten Frauen aus Deutschland, die für einen Weltraumflug nominiert sind. Auf welche Weise unterstützen Sie sie dabei?

 

Wenn Sie Fragen hat, beantworte ich ihr diese natürlich gerne, aber ich habe nicht die Funktion eines Coachs. Ich versuche vor allem, für ihre Initiative „Die Astronautin“ zu werben. Aus einem einfachen Grund: Ich denke, dass wir gerade eine fundamentale Veränderung in der Raumfahrt erleben. Visionäre wie Elon Musk, Robert Bigelow und andere aus dem privaten Sektor treiben ihre Vorhaben auf Basis des eigenen unternehmerischen Risikos schneller voran, als es staatliche Einrichtungen vermögen. Wir sehen nun die ersten Erfolge und wie in anderen Bereichen wächst dadurch das Umfeld sehr schnell nach. Ich nehme an, dass die private Raumfahrt in zehn bis 20 Jahren eine dominierende Rolle haben wird . Das hat sicherlich auch Jan Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, im Auge gehabt, als er von seinem Konzept „Moon Village“ gesprochen hat. Darunter können wir uns ja nicht ein Dorf auf dem Mond mit Kirche, Bäckerei und Schule vorstellen, sondern einen Weg, auf dem alle Akteure – staatliche wie private – ihre Interessen artikulieren und Möglichkeiten der Zusammenarbeit ermitteln. „Die Astronautin“ ist die erste sichtbare private Initiative in Deutschland und ganz Europa, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Astronautin ins All zu schicken. Das ist ein lohnenswertes Ziel, nicht zuletzt, da alle 11 deutschen Astronauten bislang Männer waren. Ich finde es wichtig, dass wir auch in Europa den privaten Sektor stärker für die Raumfahrt gewinnen. Dabei können wir in Zukunft nicht auf die Hälfte der potenziellen Unterstützer verzichten. Frauen sind ein riesiges Potenzial, in der Raumfahrt wie generell in technischen Berufen.

 

Der Weltraum-Hype rund um die Aktivitäten des ISS-Astronauten Alexander Gerst gibt der Raumfahrt hierzulande sicher auch Auftrieb?

 

Das nützt der Raumfahrt sehr. Ich fühle mich auch ein bisschen geehrt, da ich verantwortlicher Programmmanager bei der letzten Astronautenauswahl der ESA war. Alexander wie auch die weiteren im Jahr 2009 Ausgewählten machen in der Kommunikation einen ganz hervorragenden Job. Durch die sozialen Medien erhalten sie eine viel größere Reichweite, als dies früher möglich war. Das begrüße ich, da die Raumfahrt dadurch etwas von ihrem Abgehobenen und Außergewöhnlichen verliert und stärker im alltäglichen Bewusstsein aufgenommen wird.

 

Zur Person

Gerhard Thiele war von 1998 bis 2005 Mitglied des ESA-Astronautenkorps und nahm als Missionsspezialist vom 11. bis zum 22. Februar 2000 an der Shuttle-Radar-Topographie-Mission SRTM teil. Er war damit der zehnte Deutsche im All. Die Mission hatte zum Ziel, Daten für die erste dreidimensionale digitale Karte der Erdoberfläche für den gesamten Globus zu sammeln. Danach wurde er als erster europäischer Astronaut von der NASA als Shuttle Capsule Communicator (CapCom) eingesetzt. In dieser Funktion war für den Funkverkehr zwischen der Bodenstation und den Astronauten an Bord des Space Shuttle bei mehreren Flügen zuständig. Im August 2005 ließ er seinen aktiven Flugdienst ruhen und wurde Leiter des Europäischen Astronautenteams. Seit 2013 ist er bei der ESA Leiter des „Strategic Planning and Outreach Office“ im Bereich bemannte Raumfahrt und Flugbetrieb.

Ansprechpartner. 

Bechtle Update Redaktion
update@bechtle.com

 
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Veröffentlicht am 02.10.2018.