AI Experience Day: Fünf Worte bis zum Agenten.

Was Aufsichtsräte und CFOs am 09. Juli in München über Künstliche Intelligenz erfahren haben – und warum ausgerechnet die einfache Nutzung von KI ihre Governance komplizierter macht.
Digitale Anmeldeanzeige, die die Besucher zum AI Experience Day willkommen heißt

Mehr als 100 Aufsichtsrät:innen und CFOs folgten am 09. Juli der Einladung von Bechtle Greenfield in Garching bei München.

"Wiederhole. Diese. Aufgabe. Jeden. Morgen." Fünf Worte, mehr braucht es im ersten Schritt kaum, um aus einem Prompt eine wiederkehrende Aufgabe für einen KI-Agenten zu machen.

Am 09. Juli wurde schnell gegenständlich, was einen immer größeren Raum in der aktuellen Berichterstattung in den Medien einnimmt. Denn genau darum ging es beim „AI Experience Day“ der Initiative „Digitalkompetenz im Aufsichtsrat“ am 09. Juli in München. Mehr als 100 Aufsichtsrät:innen und CFOs aus unterschiedlichsten Branchen folgten der Einladung von Bechtle Greenfield in die Räume der SAP Labs in Garching bei München. Sie alle sollten konkret erleben, worüber sie künftig immer häufiger werden entscheiden müssen.

CFO Tobias Naumann spricht auf dem Bechtle AI Experience Day

CFO Tobias Naumann von SAP war nicht nur ein großartiger Gastgeber. Auch die Location war ausgesucht inspirierend: auf dem SAP Labs Munich Campus treffen Kreativität, Können und Kooperation symbiotisch aufeinander.

"You can’t champion what you don’t use".

Wer in den Führungsgremien von Unternehmen sitzt, sollte nicht nur die Funktionsweise technologischer Game Changer grundsätzlich verstehen. Diese Person sollte bei der Bewertung der Chancen und Risiken am besten aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen. 

Das netzwerken beginnt bei mehr als 30 Grad Außentemperatur bereits vor den ersten Sessions.

KI wird für jeden Mitarbeitenden im Unternehmen immer einfacher nutzbar. Schon heute fließen KI-Ergebnisse in Texte oder einfache Analysen. Zudem werden zukünftig immer mehr Aufgaben von Agenten erledigt werden. Damit entstehen auch für Aufsichtsrät:innen neue Arbeitsfelder. Eine These, die das World Economics Forum sogar noch weiter konkretisiert: Die Expert:innen sehen in KI eine fundamentale Verschiebung der Board-Aufgabe begründet. Wenn Entscheidungen auch an autonome Systeme delegiert werden, müsse Governance stärker die Grenzen dieser Delegation definieren. 

Das zeigte sich auch in den Gesprächen unter den Teilnehmenden. Angesichts der kaum abzuschätzenden Möglichkeiten der Technologie ging der Blick schnell über einfache Einsatzszenarien hinaus zu einem übergreifenden Thema mit enormer Tragweite: Corporate Governance.

Vom Wissen zur Erfahrung.

Der AI Experience Day war denn auch keine Konferenz im klassischen Sinne. Bereits im Vorfeld wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich mit eignen Beiträgen aus ihren Kompetenzbereichen zu beteiligen und ihre Erfahrungen und Best Practises zu teilen.

Nahaufnahme eines Präsentationsvorschlags auf einer großformatigen Karte

Von Aufsichtsräten und CFOs für ihre Peers: Die Teilnehmenden beteiligten sich mit reichlich eigenen Vortragsvorschlägen.

Das beeindruckende Ergebnis: 16 Vorträge wurden von den Angemeldeten nominiert –und selbst durchgeführt. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Friedrich-Ludwig-Bauer Straße 5 in Garching an diesem Tag zu einem Safe Space für Aufsichtsräte und CFOs geworden ist. In einem Ereignisraum, in dem offen über Erfahrungen, Ideen, Best Practices, Bedenken und Lösungswege gesprochen wurde. Vertrauensvoll, direkt, getragen von einem gemeinsamen Gestaltungswillen.

An diesem Tag ging es nicht um Technologie um ihrer selbst willen. Die Hands-on-Sessions dienten vielmehr dazu, den eigenen Beurteilungshorizont zu erweitern. Aus Wissensbeiträgen einzelner wurde einmal mehr eine echte Netzwerkerfahrung – genau darum geht es bei Bechtle Greenfield.

Gruppe, die am Bechtle AI Experience Day mitwirkt

You can’t champion what you don’t use – das Motto des Tages war allgegenwärtig.

Das zeigte sich zum Beispiel in gleich mehreren Sessions, in denen es um den Bau von  einfachen KI-Agenten für die Arbeit im Aufsichtsrat ging. Hier sind die Einstiegshürden teilweise erstaunlich niedrig. Viele Teilnehmende erlebten zum ersten Mal, wie klein der Schritt vom KI-Prompt zum -Agenten ist.

Doch gerade diese Einfachheit schließt sich sofort eine ungleich schwierige zu beantwortende Frage an: Was passiert, wenn jeder es kann? Allen Beteiligten wurde klar: Wenn KI immer einfacher nutzbar wird, braucht es eine robuste Governance. Doch wie weit ist KI eigentlich schon im eigenen Unternehmen verbreitet? Auch das klassische Thema der Schatten-IT gewinnt in diesem Zusammenhang neues Gewicht. 

Live-Präsentation beim Bechtle AI Experience Day

In wenigen Schritten ist das Agentic Morning Briefing selbst gebaut –  die Aufsichtsrätinnen Anja Hendel und Katharina Hopp zeigen in ihrer Session, wie es geht.

Wie viele KIs arbeiten eigentlich für uns?

Simone Menne hält einen Vortrag beim Bechtle AI Experience Day

Auch Multiaufsichtsrätin und Podcasterin Simone Menne ist überzeugt von der Relevanz von KI – wünscht sich aber zuerst einmal eine Digital- und KI-Inventur in Unternehmen.

Teilenehmerin, Multiaufsichtsrätin und Podcast-Hostess von „Die Boss“ Simone Menne legte mit einer einfachen Feststellung den Finger in die Wunde: „Ich habe noch kein Unternehmen gesehen, das schon mal eine KI-Inventur gemacht hat.“

Dabei ist jedem klar: Je einfacher es wird, KI-Anwendungen und Agenten selbst zu erstellen, desto stärker wandert ihre Nutzung aus zentral gesteuerten IT-Projekten in einzelne Bereiche, Teams und Arbeitsplätze. Dort werden aus ersten einfachen Anfragen Anwendungen, Automatisierungen und schließlich Agenten.

Doch mit welchen Daten arbeitet die KI eigentlich – führt dieselbe Anfrage in unterschiedlichen Fachabteilungen, die jeweils eigene Data Pools nutzen, nicht zwangsläufig zu verschiedenen Antworten?

Get your data ready.

Michael Guschlbauer, COO and Member of the Board bei Bechtle, hat eine klare Empfehlung für die nächsten Monate: „Get you data ready, get your people ready“

Michael Guschlbauer, COO and Member of the Board bei Bechtle, hat eine klare Empfehlung für die nächsten Monate: „Get you data ready, get your people ready.“

Für Michael Guschlbauer, COO und Boardmember bei Bechtle, stand denn auch vor der Nutzung von KI ein grundlegendes Thema auf der Agenda. Gefragt nach seinem Rat für eine Schwerpunktsetzung in den nächsten Monaten brachte er es auf die eingängliche Formel "Get your data ready, get your people ready".

Und in der Tat: Master Data Governance gehörte zu den wiederkehrenden Themen des Tages. Wenn das Ziel unter anderem darin besteht, weg vom reinen Reporting der Vergangenheit – hin zu datenbasierten, KI-gestützten Prognosen zu gelangen, braucht es eine verlässliche Datenbasis und ein gemeinsames Verständnis.

Wenn Begriffe unterschiedlich verwendet werden, Datenmodelle nicht zusammenpassen oder Verantwortlichkeiten unklar sind, kann auch das leistungsfähigste Modell daraus keine belastbare Unternehmensrealität bauen. Auf ein besonders spannendes Gedankenexperiment nahm Helmut Reisinger, CEO EMEA beim Bechtle Partner Palo Alto, mit.

Der autorisierte Insider.

Denn besonders plastisch werden die Konsequenzen ungeregelter KI-Nutzung im Bereich der Cybersecurity. Helmut Reisinger breitete vor den Zuhörenden ein gar nicht mal so unwahrscheinliches Zukunftsszenario aus: Ein Agent, der eigenständig Aufgaben erledigen soll, braucht häufig Zugang zu Daten, Anwendungen und Systemen, verwendet eigens eingerichtete Berechtigungen. Damit ist er aus Sicht der Security kein beliebiges Softwaretool mehr, er wird zum autorisierten Insider. Daraus ergeben sich dramatische Konsequenzen: „Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Agenten freundet sich mit einem Angreifer-Agenten an“.

Angriffe in KI-Geschwindigkeit fordern die Governance heraus.

Helmut Reisinger, CEO EMEA bei Palo Alto Networks, beschrieb die neue Realität wie folgt: „Wenn Hersteller Sicherheitslücken bekannt geben, dauert es im Durchschnitt nur 11 Minuten, bis die ersten KI-Agenten angreifen.“

Helmut Reisinger, CEO EMEA Palo Alto Networks skizzierte die neue Realität: „Wenn Hersteller Schwachstellen bekannt geben, dauert es im Schnitt nur 11 Minuten, bis die ersten KI-Agenten angreifen.“

Mit der aktuellen Diskussion über autonome KI-Agenten und deren Hacking-Fähigkeiten beginnt eine neue Runde in der Regulierungsdebatte, mit Forderungen nach mehr Haftung und Sicherheit.

Ohne aktives Management könnte eine ganze Population solcher Agenten entstehen: mit unterschiedlichen Aufgaben, unterschiedlichen Berechtigungen und unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf Unternehmensdaten.

KI-Governance muss demnach auf die Frage beantworten, wer und welche Maschinen für das Unternehmen handeln dürfen. 

Auch das World Economic Forum formuliert aktuell einen sehr ähnlichen Paradigmenwechsel: Klassische Governance-Modelle wurden für menschliche Entscheidungen gebaut; Agentic AI verschiebt aber Decision Rights auf autonome Systeme.

Zwei und zwei ist vier! Sicher?

Dies gilt auch mit Blick auf die Ergebnisse, welche die KI selbst hervorbringt. Alexander Gaertner, CFO von Microsoft Deutschland und einer der Impulsgeber des Tages, erinnerte daran, wie fundamental der Unterschied zwischen menschlicher Erwartung und probabilistischer KI-Logik sein kann: Wir Menschen wissen, dass zwei plus zwei vier ergibt. Ein Sprachmodell berechnet dagegen, dass vier mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die passende Antwort ist. Solange KI eigenständig Texte formuliert, lässt sich darüber schmunzeln. Wenn sie Entscheidungen vorbereitet, verliert die Sache schnell ihren Charme.

"Wenn wir KI in die Entscheidungen einbeziehen, ist das nicht trivial“, brachte Gaertner die Konsequenz auf den Punkt.

Wem gehört die Wahrheit?

Das gilt auch für die Arbeit von Aufsichtsräten selbst: Man muss nicht weit in die Zukunft denken, um sich ein Gremium vorzustellen, dessen Mitglieder KI ganz selbstverständlich zur Vorbereitung von Sitzungen einsetzen.

Die eine verwendet vielleicht Copilot. Der nächste ChatGPT. Ein dritter ein anderes Modell oder eine unternehmenseigene Lösung. Alle analysieren dieselben Unternehmensdaten und erhalten möglicherweise unterschiedliche Ergebnisse.

Was geschieht dann? Soll das Gremium darüber diskutieren, welche KI die „richtige“ Antwort geliefert hat? In Momenten wie diesen zeigt sich, wie schnell aus einer Werkzeugfrage eine Governance-Frage wird, die viel weiter reicht: Welche Modelle dürfen verwendet werden? Welche Daten dürfen sie sehen? Müssen Prompts und Ergebnisse dokumentiert werden? Wie kennzeichnet man KI-generierte Analysen? Und welche Entscheidungen dürfen grundsätzlich nicht an Maschinen delegiert werden?

Wir sind an einem Punkt, und nicht am Ende.

Und doch ist der zielgerichtete Einsatz von KI nicht nur Wunsch und Wille – Nichtstun ist keine realistische Option im weltweiten Wettbewerb. Dirk Von Gehlen, Direktor des Think Tank beim SZ-Institut, formulierte in einer der zahlreichen Podiumsdiskussionen: „Eine Strategie, die nicht auch eine Digitalstrategie ist, hat ein Problem.“

Dabei ist es keineswegs zu spät, um im Rennen um die vorderen Plätze ein mitzuspielen – auch wenn die KI-Modelle heute vornehmlich aus den USA und China kommen. Dr. Edeltraud Leibrock, Global Managing Director Innovation & Senior Partner Digital bei Roland Berger, sieht mit Verweis auf die immensen Datenvorräte in der Industrie   deutsche Unternehmen in einer Schlüsselposition für die nächste Stufe auf der Innovationsagenda.

Kaum ein Land in der Welt verfügt über eine so vielfältige, hochwertige und weit zurückreichende Produktionsdaten – wir sitzen nicht nur an der Quelle, wir können zu DER Quelle für weitreichende Industrieanwendungen werden.

Europas AI-Chance liegt dort, wo industrielle Erfahrung, Prozesswissen, semantische Daten und AI zusammenkommen.

Diagramm im Arcade-Stil für deutsche KI-Anwendungen

Mit ihren Industriedaten können deutsche Unternehmen eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung von KI-Anwendungen spielen.

Die Menschen bleiben Gatekeeper.

Niemand verließ an diesem Tag Garching mit der allgemeingültigen Zauberformel für KI Governance. Das wäre angesichts der Geschwindigkeit der Entwicklung vermutlich auch verdächtig gewesen. Doch vielleicht hat dieser Tag etwas anderes gestärkt: ein klareres Verständnis dafür, welche Fragen jetzt gestellt werden müssen.

Multiaufsichtsrätin und Netzwerkerin Isabel Hartung hielt fest, was für viele Teilnehmenden erlebbar war: „Das Zusammenwirken in Experten-Netzwerken wird immer wichtiger. In ihnen stecken Erfahrung und Kreativität – aber auch Ressourcen, die einzelne Menschen oder Organisationen angesichts der Vielzahl gleichzeitiger Herausforderungen kaum noch allein bereitstellen können. Menschen sind und bleiben vorerst die Gatekeeper in diese Netzwerke.“

Das Netzwerk hat sich getroffen, das Netzwerk hat voneinander gelernt und sich gefestigt. Und wieder sind ein paar neue Knotenpunkt hinzugekommen: AI Literacy ist keine Weiterbildung mehr. Sie wird zur Voraussetzung für Governance. Dafür muss kein Aufsichtsrat zum Entwickler werden. Aber vielleicht sollte jeder einmal erlebt haben, was fünf Worte bewirken können.