Digitale Souveränität braucht Wahlfreiheit.
Innovationsdruck, Fachkräftemangel und geopolitische Risiken machen digitale Souveränität für Organisationen zu einer strategischen Schlüsselaufgabe – auch für Harald Joos. Der Cloud-Beauftragte der Deutschen Rentenversicherung Bund ist überzeugt: Europa braucht einen eigenen Weg, der souveräne Lösungen, technologische Unabhängigkeit und Innovationsfähigkeit verbindet.
Digitale Souveränität ist für Harald Joos keine ideologische Abgrenzung, sondern eine Frage der Handlungsfähigkeit. Wer kritische Leistungen für Millionen Menschen erbringt, braucht vor allem eines: Verlässlichkeit. Für die Deutsche Rentenversicherung Bund bedeutet das, dass Rentenzahlungen, Reha-Leistungen und zentrale Prozesse immer funktionieren müssen. Business Continuity hat deshalb höchste Priorität. Aus dieser Perspektive betrachtet Harald Joos Cloud-Infrastrukturen – pragmatisch, risikobewusst und ohne Schwarz-Weiß-Denken. Sein Ausgangspunkt: Europa braucht mehr technologische Unabhängigkeit.
Deshalb strebt er eine Multi-Cloud-Strategie mit echten Wahlmöglichkeiten an. Anwendungen sollten so konzipiert sein, dass sie im eigenen Rechenzentrum laufen können, in deutschen oder europäischen Umgebungen und auch bei internationalen Hyperscalern. Kein Entweder-oder, sondern ein belastbares Sowohl-als-auch. Sein Ziel: Im Krisenfall gibt es Ausweichoptionen, im Normalbetrieb lassen sich Innovationen schneller aufgreifen.
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Auch im öffentlichen Sektor steigen die Anforderungen an Sicherheit, Resilienz und regulatorische Transparenz. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte für den Betrieb komplexer Eigeninfrastrukturen. Cloud-Modelle können diese Lücke schließen. Vorausgesetzt, sie werden sorgfältig ausgewählt und aktiv gesteuert.
Europa muss aus Sicht von Harald Joos nicht mit den US-Hyperscalern gleichziehen, um souveräner zu werden. Entscheidend sei vielmehr, europäische Angebote konsequenter zu nutzen, interoperable Architekturen zu schaffen und offene Standards zu stärken. Genau dort setzt auch der von ihm mit vorangetriebene Cloud-Broker-Ansatz für die Sozialversicherung an: Statt sich auf wenige Anbieter festzulegen, sollen unterschiedliche Clouds über einen strukturierten Bezugsweg verfügbar sein – darunter US-amerikanische ebenso wie europäische Angebote.
Europa braucht eine eigene industrielle Basis von mindestens 30 Prozent, um resilient zu bleiben. Denn gerade in kritischen Bereichen müssen wir im Ernstfall handlungsfähig sein.
Harald Joos
Auch Open Source hat in diesem Verständnis einen Platz – als Entwicklungsmodell, das auf Community, breiter Nutzung und Skalierbarkeit basiert. Lösungen wie openDesk zeigen für Harald Joos, dass tragfähige Alternativen entstehen können, wenn sie reale Anforderungen adressieren.
Nach vorn blickt er optimistisch: Neue Technologien wie Quantencomputing bieten Europa die Chance, nicht nur aufzuholen, sondern eigene Stärken auszubauen. Voraussetzung dafür ist mehr Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Technologiepartnern. Denn digitale Souveränität entsteht für ihn nicht durch Rückzug, sondern durch echten, praxisnahen Gestaltungswillen.
Kurzvita Harald Joos:
Harald Joos ist Cloud-Beauftragter der Deutschen Rentenversicherung Bund. Zuvor war er CIO der DRV Bund sowie IT-Beauftragter der Bundesfinanzverwaltung. Der Diplom-Verwaltungswirt verfügt über rund 30 Jahre IT-Erfahrung und verantwortete mehrere Großprojekte der öffentlichen Verwaltung mit Fokus auf Digitalisierung, Resilienz und Cloud-Strategien.