Die Neugestaltung der Datenflüsse: Technologietrends in der Logistik.

Vernetzt, intelligent, flexibel: Technologien und Konzepte der Industrie 4.0 halten auch in der Logistik Einzug und bringen digitalen Schwung in die Supply Chains. Welche Innovationen bereits konkret realisiert werden und welche Kandidaten schon bald an den Start gehen, erläutert Stefan Schweiger, Leiter IoT/AI Solutions des IT-Systemhauses Bechtle Schweiz AG, im Interview.

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Welche Technologien, insbesondere aus dem Bereich IT, treiben derzeit die Innovation in der Logistik?

Aktuell werden in der Logistik sehr viele neue Technologien getestet. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Technologien mit Potenzial und Technologien, die bereits in vielfältiger Weise Anwendung finden. In der angewandten Praxis sind das im Wesentlichen das IoT (Internet of Things oder auch spezifischer: Industrial Internet of Things), Machine Learning und die Blockchain – diese Technologien werden heute auch schon miteinander kombiniert. Techniken mit Potenzial sind selbstfahrende LKWs oder auch Logistik mittels Drohnen. Bis diese aber voll anwendbar sind, dauert es noch. Selbstfahrende Fahrzeuge innerhalb der Fabriken bzw. im Bereich der Intralogistik sind heute hingegen bereits gang und gäbe. Das hängt daran, dass man Daten innerhalb einer Fabrik leicht abrufen kann.

Welche Vorteile können Unternehmen mit diesen Technologien erzielen?

Das Internet of Things (IoT) bildet die Voraussetzung für Machine Learning (ML) und ist ein wichtiger Bestandteil von Blockchain-Anwendungen. Jede Technologie bringt dabei für sich entscheidende Vorteile mit, die in ihrem Zusammenspiel erhebliche Chancen im Logistikumfeld bieten. Blicken wir auf die Möglichkeiten im Einzelnen:

Internet of Things (IoT): Das „Vernetzen der Dinge“ hat den Vorteil, dass wir mehr Transparenz in die Bewegung von Waren und Gütern bringen. Im Zuge der heutigen Globalisierung und der gestiegenen Kundenanforderungen muss sich die Logistik zunehmend optimieren. Treiber sind hier zum Beispiel der Wunsch nach kundenspezifischen Produkten, nach schneller Lieferung oder der anhaltende Trend zum Online- anstatt Offline-Business. Ein weiterer Treiber von IoT-Lösungen sind Regularien – wie z. B. in der Kühlkettenlogistik – und immer mehr der Nachhaltigkeitsgedanke. Die aktuelle Pandemie zeigt uns klar die fehlende Transparenz in der Supply Chain auf.

Eine Supply Chain besteht immer aus verschiedenen Teilnehmern mit unterschiedlichen Systemen. Daher herrscht oft wenig Transparenz. Ohne Transparenz kann man jedoch nicht eingreifen oder optimieren. Mittels IoT kann der Fluss von Waren besser nachvollzogen werden und es entstehen zusätzliche Möglichkeiten zur Automatisierung von Prozessen.

Moderne IoT-Devices können dabei nicht nur detektieren, wo Güter sind (Lokalisierung), sondern auch in welchem Zustand sie sich befinden – anhand von Parametern wie zum Beispiel Temperatur, Erschütterung, Verpackungszustand oder Fortbewegung. Weiterhin ist es nun möglich, Intralogistik und Distributionslogistik mittels Sensorik zu überwachen. Durch mehr Transparenz ergeben sich, gerade in der Logistik, vielfältige Möglichkeiten der Optimierung.

Maschine Learning (ML): IoT-Sensoren erzeugen eine Vielzahl von Daten. Wenn man Daten lange genug sammelt und mittels geeigneter Analysewerkzeuge auswertet, können Muster erkannt werden. Gerade in der Logistik gibt es zahlreiche wiederkehrende Vorgänge, die erfasst werden können. Durch die Sammlung und Auswertung der Daten ergibt sich nicht nur ein Monitoring, sondern auch die Möglichkeit zu erkennen, was geschehen wird. Dies dient einer verbesserten Planung und vorausschauende Optimierung. Typisches Beispiel sind ML-basierte Routenplanungen oder Distributionslogistik.

Blockchain: Wie der Name „Supply Chain“ schon sagt, handelt es sich bei Logistik um eine Kette. In dieser Kette sind oft verschiedene Player involviert und haben Verträge miteinander. Wird also das Prinzip der Blockchain auf die Logistik angewendet, kann man innerhalb einer Kette nachvollziehen, wer beteiligt war und wann ein Übergang stattgefunden hat. Die Blockchain verbunden mit IoT ermöglicht also mehr Transparenz in der Kette. Dadurch werden unter anderem neue Geschäftsmodelle möglich, zum Beispiel in der Art der Verrechnung. Zudem lässt sich auch der administrative Aufwand durch Automatisierung enorm verringern.

 

 

 

 

 

 

 

Stefan Schweiger verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Transportlogistik (speziell Transportverpackung) und hat mit Unternehmen aus verschiedensten Branchen zusammengearbeitet. Einer der Schwerpunkte lag dabei auf der Gestaltung der Digital Supply Chain, unter anderem durch die Anwendung von IoT-Technologien. Seit Oktober 2020 leitet er die neue Business Unit IoT/AI Solutions beim IT-Systemhaus Bechtle Schweiz AG.

Was fehlt noch, um den neuen Konzepten zum Durchbruch zu verhelfen?

Bei den noch nicht im Einsatz befindlichen Technologiekonzepten wie Lieferdrohnen oder selbstfahrenden LKWs fehlt es noch an Regularien und oft auch an den notwendigen Technologien zur Übertragung von Daten. In diesen Bereichen wird aktuell intensiv geforscht und nach Lösungen gesucht.

Wichtige Faktoren für die Durchsetzung des IoT sind die breite und kostengünstige Verfügbarkeit von „Edge Devices“ – Geräte, die Daten nah am Entstehungsort bzw. direkt am Sensor verarbeiten und nicht in der Cloud – sowie vor allem zuverlässige Netzwerkabdeckung. Hier hat sich der Markt deutlich weiterentwickelt. Die Supplier-Landschaft ist in den vergangenen Jahren angewachsen und durch steigende Volumen sinken die Preise für die erforderlichen Devices. Die Sensorik verbessert sich und auch die Abdeckung der Netzwerke nimmt zu. Technologien wie Ultra-Wideband (UWB) werden zudem ungeahnte Möglichkeiten liefern. Im Bereich Machine Learning fehlt es lediglich an genügend Fachleuten. Auch die Blockchain wird schon eingesetzt, wenn auch noch nicht alle den Nutzen erkannt haben.

In allen drei genannten Technologiefeldern ist aber nicht primär die Technik entscheidend, diese ist bereits vorhanden, sondern die Einstellung der Unternehmen. First Mover haben bereits erfolgreich gezeigt, dass sie extrem hohe Einsparungen und Optimierungen durch den Einsatz von IoT, Machine Learning und Blockchain einfahren konnten. Noch setzen sich die Unternehmen zu wenig mit dieser Thematik auseinander. Unter anderem fehlt es dafür an Ressourcen und Know-how im Markt.

Wie steht es um das Thema Sicherheit beim IoT-Einsatz?

Das Thema Cyber Security ist von großer Bedeutung. Wenn Unbefugte es schaffen, über Sensorik an ein System zu kommen und dieses zu beeinflussen, kann großer Schaden entstehen. Durch den zunehmenden Einsatz von „Maschinen“ werden Ausfälle zudem sehr kostspielig sein und manuelles Eingreifen wird zunehmend erschwert. Fällt die Maschine aus, kann die Logistik dann komplett lahmgelegt werden. Durch maßgeschneiderte Netzwerk- und IT-Security-Konzepte können hier – wie auch in anderen IT-Anwendungsfeldern – entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, um die IoT-Szenarien robust zu gestalten. 

Wagen wir einen Blick auf das Business von übermorgen – wie sieht die Zukunft der Logistik aus?

Die Zukunft der Logistik wird viel digitaler sein als heute. Prozesse werden schneller ablaufen, Dinge werden transparenter transportiert und manuelle Arbeit wird auf ein Minimum reduziert. Weiterhin wird durch Einsatz der Technologie erreicht, dass wir umweltschonender Dinge von A nach B transportieren. Nachhaltiges Handeln und verringerter CO2-Ausstoß spielen bei vielen Firmen eine zunehmend wichtigere Rolle. Mittels IoT, Machine Learning und Blockchain kann ich bestehende „Verschwendungen“ erkennen und entsprechend Abläufe optimieren. Die Planung wird durch Maschinen und Algorithmen übernommen. Menschen werden sich hauptsächlich dem „Exception Handling“ widmen und damit Mehrwertdienstleistungen erbringen, während Routineaufgaben immer stärker automatisiert werden. Zudem werden neue und heute noch undenkbare Technologien auftauchen.

Ein reales Beispiel für die Entwicklungsmöglichkeiten lässt sich an der Ausfuhr von Benzin zu den Tankstellen skizzieren. Heute legt ein Planer die Route für den Fahrer weitgehend nach Erfahrung fest. Dabei wird manuell von den Tankstellen rückgemeldet, wie viel Benzin sich noch in den Tanks befindet. Der Planer rechnet aus, welcher Fahrer zu welchen Tankstellen fährt. Man hat recht wenig Transparenz, was in den Tanks ist, sowohl im LKW als auch an den Tankstellen. In Zukunft wird jeder Tanklastwagen mit Sensorik im Tank sowie mit GPS ausgerüstet sein. Der Tanksensor meldet kontinuierlich den Fülllevel des Tanks. Somit wissen die Verantwortlichen jederzeit, wo sich der Tanklastzug befindet und wie viel Liter getankt und abgeliefert worden sind. Auch die Tanks an den Tankstellen sind mit Sensorik ausgestattet.

Mittels IoT können remote die Füllstände abgefragt werden. Die Planung der Fahrten erfolgt nach „Mustern“, das heißt, es werden erst Daten gesammelt, um dann die durchschnittlichen Verbrauchswerte der Tankstellen zu erkennen. Anhand von externen Daten wie Wetter, Verkehr oder Feiertage lässt sich per Algorithmus ferner voraussagen, wie der entsprechende Bedarf steigt oder fällt. Die Routenplanung erfolgt nicht mehr statisch, sondern dynamisch mittels punktgenauer Abfrage von Füllständen. Der Algorithmus erkennt die schnellste und kürzeste Route, um die Auslastung des LKWs zu optimieren. Der Planer wird zum Datenexperten. Mittels Blockchain und IoT werden Daten rückgemeldet und die Abrechnung erfolgt automatisch ohne Papiere und manuelle Protokolle.

Ansprechpartner.

Stefan Schweiger

stefan.schweiger@bechtle.com

Leitung Business Unit IoT/AI Solutions,
Bechtle Schweiz AG

 

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Veröffentlicht am 07.04.2021.